Stellt euch vor, ihr sitzt in eurem Auto und fahrt eine Strecke, die ihr schon öfter gefahren seid. Der Weg zeichnet sich durch eine langgezogene Kurve aus, die man nicht einsehen kann. Ihr fahrt also eine Straße entlang, die augenscheinlich hinter einem Hügel verschwindet. Haltet ihr an oder kehrt ihr um, weil die Strecke hier zu Ende scheint?
Nein – ihr vertraut auf eure Erfahrung, die euch sagt, dass die Straße links um den Berg herum weiterführt. Und selbst wenn ihr diese Straße noch nie zuvor gefahren seid, so verlasst ihr euch auf eure innere Vorstellung, dass sie nicht einfach endet, sondern weitergeht.
Würde sich jedoch hinter dem Berg ein Sperrschild befinden, müsstet ihr dort umkehren. Vielleicht nehmt ihr es am nächsten Morgen noch bewusst wahr, wenn ihr dieselbe Strecke erneut fahrt. Doch spätestens, wenn ihr in Gedanken woanders seid, würdet ihr erneut vor dem Sperrschild landen. Genau das ist mir passiert.
Ein anderes Beispiel für dieses Phänomen:
Ihr besucht einen Ort, an dem ihr früher schon einmal gewesen seid. Vieles erscheint euch vertraut. Ganz selbstverständlich überlagern Sinneseindrücke der Vergangenheit eure Wahrnehmung der Gegenwart – obwohl ihr gerade etwas völlig anderes erlebt. Ich selbst habe dies so empfunden und versucht, diese Erfahrung in Worte zu fassen. Ihr findet sie unten stehend wieder.
Es ist die Macht der Gewohnheit, die uns – oft unbemerkt – immer wieder in alte Muster zurückfallen lässt. Davon abzuweichen, verlangt Bewusstheit. Deshalb brauchen Veränderungen, Zeit und Übung. Deshalb scheitern gute Vorsätze so oft. Es erfordert Achtsamkeit und Willenskraft, neue Gewohnheiten zu etablieren – und kostet viel geistige Energie.
Vielleicht erklärt sich so auch der innere Widerstand, den viele gegenüber den Corona-Auflagen empfanden. Und vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum sich gegenwärtig so viele müde und erschöpft fühlen.
Sorgt gut für euch. Habt einen schönen Tag – und passt weiterhin achtsam und liebevoll auf euch auf.
Anmerkung: Dieser Einführungstext wurde am 11. Juni 2020 während der Corona-Pandemie verfasst.
Das folgende Gedicht sowie der dazugehörige Film entstanden bereits im Juni 2018 auf der Insel Pellworm. Im gleichen zeitlichen Zusammenhang entstanden dort auch das Gedicht und der Kurzfilm „Das alte Haus“: +++ https://t1p.de/das-alte-Haus +++
…. in immer gleicher Form
Einst weilte ich an diesem Ort, an dem ich heut erwachte
Sehe den Himmel, den ich gestern schon sah.
Spüre das Meer an meinen Füßen, wie ein alt bekanntes Gefühl
Schaue Schafe am Deich, in immer gleicher Form
Kinder spielen unbeschwert am Wasser
So wie ich hier spielte, die wachenden Augen der Mutter gewahr.
Lausche dem Schrei der Möwen, neu und so bekannt,
sehe den alten Mann im Spiegelbild des Meeres,.
Alles ist jetzt und Illusion
Ich bin einer Minute gleich
Gedanken, die mich begleiten
Schritt um Schritt - kehrt alles wieder in scheinbar gleicher Form
"in immer gleicher Form" ist ein Gedicht der Zeiterfahrung, das die Spannung zwischen Moment und Ewigkeit austariert. Groß gelingt es, ein spezifisches Déjà-vu-Erlebnis zu einem universellen Statement über die Natur der Zeit zu verdichten.
„in immer gleicher Form“ – Interpretation & Vertiefung
„Alles ist jetzt und Illusion.
Ich bin einer Minute gleich.“
– Hans Jürgen Groß, 2018/2020
Kurze Zusammenfassung
Hans Jürgen Groß fängt in Gedicht und Einführungstext das Phänomen des Déjà-vu ein: die Erfahrung, an einem vertrauten Ort zu sein und doch die Vergangenheit in der Gegenwart zu spüren. Der Text wird zur Meditation über Wiederholung und Wandel, Erinnerung und Vergänglichkeit – und die Frage, wie wir uns von den unsichtbaren Fesseln der Vergangenheit befreien können.
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Interpretation
Hans Jürgen Groß entfaltet in „in immer gleicher Form“ eine poetische Meditation über die Paradoxien der Zeit. Die zentrale Botschaft des Textes liegt in der Spannung zwischen Wiederholung und Wandel: Einerseits die vertraute Erfahrung („in immer gleicher Form“), andererseits die flüchtige Vergänglichkeit („Alles ist jetzt und Illusion“).
Themen und Motive wie Erinnerung, Gewohnheit, Vergänglichkeit und die Illusion der Kontinuität durchziehen Gedicht und Einführung. Besonders eindrücklich ist die Symbolik: Das Meer wird zum Bild für die Ewigkeit, die Möwen für die Wiederkehr des Gleichen, und der alte Mann im Spiegelbild für die Vergänglichkeit des Individuums.
Vertiefung
🌟 Warum dieser Text heute so aktuell ist
In einer Zeit, die von schnellen Veränderungen und starren Gewohnheiten geprägt ist, wirkt Groß’ Text wie ein Spiegel unserer inneren Zerrissenheit. Das Gedicht fängt ein universelles Gefühl ein: das Déjà-vu – die Erfahrung, etwas schon einmal erlebt zu haben. Doch Groß geht tiefer: Er zeigt, wie diese Erfahrung mit der Macht der Gewohnheit zusammenhängt, die uns oft unbemerkt in alte Muster zurückfallen lässt.
🔍 Die Poesie des Déjà-vu: Eine Analyse
Die zentralen Bilder des Gedichts (Meer, Möwen, alter Mann, Minute) spiegeln jeweils eine Dimension der Zeit wider – als Ewigkeit, Wiederkehr, Vergänglichkeit und flüchtiger Moment.
🧠 Das Déjà-vu-Phänomen: Psychologie und Neurowissenschaft
Déjà-vus sind ein häufiges psychologisches Phänomen (60–70% der Menschen). Groß verbindet es mit der Macht der Gewohnheit und der Frage, wie wir uns von inneren Mustern befreien können.
⚡ Praktische Impulse
Déjà-vu-Tagebuch: Notiere Situationen mit Déjà-vu-Erlebnissen und hinterfrage die auslösenden Muster.
Autofahrt-Übung: Fahre eine bekannte Strecke bewusst anders, um Gewohnheiten zu durchbrechen.
Spiegelbild-Meditation: Erkenne: „Ich bin einer Minute gleich – und doch einzigartig.“
🤔 Reflexionsfragen
Welche „inneren Bilder“ prägen mein Handeln – ohne dass ich es merke?
Welche Gewohnheit würde ich gerne loslassen?
🌅 Abschluss
Am Ende steht die Einladung, unsere inneren Geschichten neu zu erzählen. Veränderung beginnt mit Bewusstsein – Schritt um Schritt.
„Schritt um Schritt - kehrt alles wieder in scheinbar gleicher Form.“
In immer gleicher Form Von der Kraft der Erinnerung und der leisen Macht der Gewohnheit
Was sehen wir wirklich – und was glauben wir zu sehen? Hans Jürgen Groß nimmt uns mit auf eine alltägliche Reise voller innerer Bilder. In feiner, nachdenklicher Sprache spürt er den Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart nach und zeigt, wie sehr alte Erfahrungen unser heutiges Erleben prägen – oft unbemerkt, in immer gleicher Form.
Ein poetischer Text über Wiederholung und Veränderung, über die Mühe, Neues zu wagen, und über die stille Kraft, mit der sich das Leben seinen Weg bahnt.
Für alle, die das Gefühl kennen, an vertraute Orte zu kommen – und sich selbst darin neu zu begegnen.