Was in meinen Ringen steht – Die Moritat vom Melsunger Milchwunder
Nichts vergeht; es wächst nur weiter – In uns, durch uns, über uns hinaus. Weisheit der Nomaden in der Zeit Eine alte Sage, neu erzählt von Hans Jürgen Groß Ich bin alt. Nicht so, wie Menschen alt werden – gebeugt, vergesslich, vom Gewicht der Jahre gezeichnet. Ich werde nach oben alt. In die Stille hinein. Ring um Ring, Jahr um Jahr, ohne dass es jemand zählt. Bis jemand kommt – und eines Tages wird jemand kommen –, der mich fällen und die Ringe zählen wird. Doch die Ringe erzählen nur von den Wintern, die ich überstand. Was ich gesehen habe, steht tiefer. Im Holz selbst. In jener Faser, die sich um das Erlebte schließt, wie Wasser um einen Stein, den der Fluss längst vergessen hat. Ihr geht an mir vorbei. Die meisten ohne Blick. Manchmal bleibt einer stehen, legt die Hand an meine Rinde, spürt etwas – ein Zittern, eine Kühle, ein Echo – und weiß nicht, was es ist. Das ist gut so. Nicht alles, was man fühlt, braucht einen Namen. Nicht alles, was bleibt, will verstanden werden...