Karnevalssonntag 2022, oder: ein Gefühl von Trauer
Karnevalssonntag: Lustig, und ausgelassen sollte es heute zugehen. Noch einmal die Welt in Freude umarmen, bevor dann die selbst gewählte Enthaltsamkeit, die Reinigung der Fastenzeit uns für 40 Tage ins Gegenteil führt.
Doch statt kindlicher Ausgelassenheit, geht der erste Blick des Morgens nach Osten. Nein, nicht um das aufgehende Licht zu blicken, sondern um zu schauen, wie weit die Entmenschlichung von Krieg, Angst und Terror vorangeschritten sind.
Tief berührt von dem Geschehen, lese ich dann auch die Kommentare unter den Artikeln, die nach Waffenlieferungen schreien, die Diplomatie für beendet erklären. - Ich nehme die aufsteigenden unangenehmen Gefühle wahr. Finde keine Antworten in mir.
Bilder und Worte der Kindheit und Jugend, fest verankert, tauchen auf. Ich nehme Trauer wahr; Trauer um den Umstand, dass wir Menschen in all den tausenden von Jahren es nicht gelernt haben, im Umgang mit Konflikten andere Lösungen als Dominanz, Unterdrückung, Strafen und Machtgebaren zu wählen.
Ich möchte schreien: „Seht ihr denn nicht, wohin euch das führt". – Aber welchen Sinn hätte dies, als nicht meine Meinung über die der anderen zu stellen?
Der Wunsch nach Macht wächst auf dem Boden der Hilflosigkeit.
Konflikt entsteht aus Konflikt.
Was also tun? – Dieses Gefühlschaos annehmen, aushalten. Aushalten! Aushalten! Die Gefühle in Worte, kreativen Ausdruck fassen. Darüber sprechen, schreiben. Rückhalt suchen bei Gleichgesinnten, ohne den Anspruch zu haben, dass unsere Meinung über der anderen steht. Den Blick für die Welt und deren schöne Seiten offenhalten.
Dieser Text entstand am 27. Februar 2022 — drei Tage nach Kriegsbeginn, am Karnevalssonntag.
Er bildet gemeinsam mit dem Text vom 24. Februar ein Diptychon der ersten Tage:
zwei Texte, zwei Stimmen, eine Erschütterung.
→ Zum Schwesterntext:
„Die dunkle Wolke des Krieges, die sich über Europa legt"
Bonusmaterial · Literarische Analyse
Karnevalssonntag 2022, oder: ein Gefühl von Trauer
Autobiographische Aufzeichnung · 27. Februar 2022
Der Text beginnt mit der gebrochenen Erwartung: „Lustig, ausgelassen sollte es heute zugehen." Das Wort „sollte" markiert bereits den Bruch — die Vergangenheitsform einer Absicht, die sich nicht erfüllen wird. Fest und Krieg teilen die Woche, aber sie teilen sie nicht friedlich.
Der Karneval steht traditionell für die kurze Umkehrung der Weltordnung, bevor die Fastenzeit zur Besinnung ruft. Hier wird die Weltordnung tatsächlich umgekehrt — aber nicht durch Narrenfreiheit, sondern durch Gewalt. Das macht den Karneval 2022 zum doppelt gebrochenen Fest.
Eine der verdichteten Bildgesten des Textes: „geht der erste Blick des Morgens nach Osten. Nein, nicht um das aufgehende Licht zu blicken, sondern zu schauen, wie weit die Entmenschlichung von Krieg, Angst und Terror vorangeschritten sind."
Osten ist die Richtung des aufgehenden Lichts — spirituell, religiös, mythisch aufgeladen. Dieselbe Richtung weist jetzt auf den Krieg. Der Autor benennt diese Verschiebung explizit durch die Verneinung: „Nein, nicht um das aufgehende Licht zu blicken." Damit wird die symbolische Ordnung nicht ignoriert, sondern schmerzhaft gegen sich selbst gewendet.
Im Unterschied zum ersten Text vom 24. Februar ist dieser Text sprachlich rauer, weniger gedrechselt — und gerade darin stärker. Er protokolliert einen Prozess, der sich nicht auflöst: „Ich nehme die aufsteigenden unangenehmen Gefühle wahr. Finde keine Antworten in mir."
Das ist kein Scheitern des Textes, sondern seine Integrität. Der Autor weigert sich, eine Antwort zu fingieren, wo keine ist. Die kursiv gesetzten Leitsätze — „Der Wunsch nach Macht wächst auf dem Boden der Hilflosigkeit. Konflikt entsteht aus Konflikt." — stehen nicht als Lösung da, sondern als Diagnose, die den Schmerz benennt ohne ihn aufzulösen.
Das dreifache „Aushalten! Aushalten! Aushalten!" ist der emotionale Höhepunkt — eine Repetition, die nicht Emphase sucht, sondern die Schwere des Imperativs selbst darstellt.
„Bilder und Worte der Kindheit und Jugend, fest verankert, tauchen auf." — Diese Zeile öffnet einen biographischen Tiefenraum, der nicht weiter entfaltet wird, aber spürbar ist. Der Krieg aktiviert früh eingravierte Schichten: kollektive Traumata reaktivieren individuelle Erinnerungsformationen.
Der Verfasser gehört einer Generation an, für die Krieg in Europa keine abstrakte Möglichkeit war, sondern ein Erbe familiärer Erzählungen und kollektiver Prägung aus Kindheit und Jugend. Diese Resonanz wird benannt, nicht ausgeführt — das gibt ihr umso mehr Gewicht.
Der Schluss des Textes formuliert eine praktische Ethik der Gegenwart: aushalten, in Worte fassen, sprechen, schreiben, Gleichgesinnte suchen — ohne den eigenen Standpunkt über andere zu stellen. Weder Rückzug ins Private noch lautes Meinungsgeschrei.
Das ist inhaltlich kongruent mit dem Schwesterntext vom 24. Februar, aber geerdet statt meditativ. Zusammen ergeben beide eine Art Antwort auf eine Frage, die keiner stellen will: Was tut man, wenn man nichts tun kann? — Man bleibt bei sich. Man schreibt. Man sucht Gemeinschaft. Und man stellt die eigene Meinung nicht über die der anderen.
Das ist keine Resignation — es ist eine reife Haltung der Würde angesichts des Unbeherrschbaren.