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Zwischen Karneval und Fastenzeit: Alte Fotos, neue Klarheit


Wir stehen an der Schwelle, der Karneval neigt sich dem Ende entgegen, die Fastenzeit steht bevor. Seit einigen Jahren beschäftigt sie mich intensiv, diese Fastenzeit – nicht aus religiösen Gründen, sondern als persönliches Experiment: als eine Zeit, um achtsam den Willen zu schulen, die Gesundheit zu fördern und dem Alltag eine neue Struktur zu geben. Die Fastenzeit liegt vor mir wie ein stiller Rahmen, noch Zukunft, noch unbeschrieben, offen für das, das sichtbar werden will.

Jetzt, in diesem Schwellenraum, fällt mein Blick zurück.

Traditionell geht dem Fasten der Karneval voraus. Ein Ereignis, das in meinem heutigen Leben kaum noch Resonanz findet. Die lokalen Veranstaltungen ziehen an mir vorbei, und die Fernsehübertragungen meide ich, weil mich die dort gezeigte Kultur nicht erreicht.

In meiner Kindheit jedoch war das anders. In früheren Blogbeiträgen habe ich bereits vom „Karneval des Kindes“ erzählt. Dieses Thema möchte ich heute noch einmal aufnehmen.
Ende letzten Jahres kaufte ich mir einen neuen Diascanner, um die vielen Bilder aus dem Besitz meiner Eltern und aus meinem eigenen Archiv in die digitale Welt zu übertragen und für die Zukunft zu sichern. Der Zahn der Zeit hatte an ihnen genagt: Farben verblassten, manche Aufnahmen wirkten brüchig. Mein Vater hatte seine Dias offenbar häufig betrachtet – das erkannte ich daran, dass die ursprüngliche Ordnung in den Magazinen längst aufgehoben war und ein wildes Durcheinander herrschte. Dieses Chaos ließ sich kaum rekonstruieren und fand so seinen Weg in meine digitale Sammlung.

Gelegentlich öffne ich nun einen dieser Ordner und begebe mich auf eine Zeitreise in meine Kindheit und Jugend. Dabei wurde mir bewusst, wie präsent der Karneval damals in unserer Familie war. Es gibt Bilder meiner Eltern in Kostümen, aufgenommen bei Feiern mit den Nachbarn in den jeweiligen Partykellern. Und es gibt Bilder von mir – verkleidet für den Schulkarneval, der damals bis zur siebten Klasse immer am Rosenmontag gefeiert wurde.

Drei dieser Bilder zeigen mich in unterschiedlichen Kostümen. Meinen Eltern war es offenbar wichtig, diese Momente festzuhalten.

Das erste Bild zeigt mich als Schiffsjungen. Es entstand vermutlich im letzten Jahr der Grundschule oder im ersten Jahr der weiterführenden Schule, also 1969 oder 1970. Der kleine Junge im Wohnzimmer träumte von der Weite und Grenzenlosigkeit des Meeres – und brachte diese Sehnsucht in der Wahl seines Kostüms zum Ausdruck. Ich gehörte damals zu den Kleinsten in der Klasse; mein Gewicht lag irgendwo in den unteren Dreißig-Kilo-Werten.

Ein kleiner Junge, der vom Meer träumt
 – und von einer Welt, die größer ist als seine eigene.

Das zweite Bild zeigt mich als Seeräuber auf der Treppe unseres Hauses. Wieder das Meer, wieder die Sehnsucht nach Freiheit – diesmal in der gesteigerten Form des Piraten.

Freiheit, Abenteuer und die Sehnsucht nach grenzenloser Weite


Das dritte Bild
schließlich stammt vom letzten Schulkarneval in der siebten Klasse. Wieder stehe ich auf der Treppe, doch das Kostüm unterscheidet sich deutlich von den Vorjahren: ein aufwendig gestalteter Sultan. Ich erinnere mich, dass in der Familie eine Zeitschrift mit Nähanleitungen für Karnevalskostüme auftauchte. Wer die Wahl traf – ich oder jemand anderes –, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls wurde Stoff gekauft, und meine Oma nähte an ihrer alten Singer-Nähmaschine mit Riemenantrieb dieses Kostüm. Was der Antrieb war, mich so prachtvoll auszustatten, ist mir bis heute unklar. Sicher ist: Ich stach damit aus der Kostümwahl meiner Klassenkameradinnen und -kameraden heraus.

Ein prachtvolles Kostüm, genäht von der Oma
– und ein Junge, der damals lieber unsichtbar geblieben wäre.

Wenn ich zurückblicke, war mir dieser Auftritt eher unangenehm. Zu dieser Zeit wurde ich stark gemobbt, und mein Bestreben war es, möglichst unsichtbar durch den Schulalltag zu gehen, um keinen neuen Anlass für Angriffe zu bieten.

All diese Erinnerungen kamen beim Betrachten der alten Dias wieder hoch. Dass ich sie heute scannen, betrachten und sogar mit moderner Bildbearbeitung wieder zum Leuchten bringen kann, zeigt mir, dass ein großes Stück Heilung eingetreten ist. Noch vor wenigen Jahren hätte ich diesen Bildern keine Aufmerksamkeit schenken können – die Wunden der Schulzeit hätten zu sehr geschmerzt. Jetzt aber konnte ich ihnen Farbe und Klarheit zurückgeben und sie sogar mithilfe einer KI animieren.

Es sind Bilder – und Geschichten –, mit denen ich mich heute gerne zeige.

Die Fastenzeit liegt vor mir wie ein stiller Rahmen,
noch Zukunft, noch unbeschrieben.

Jetzt, in diesem Zwischenraum,
betrachte ich die alten Bilder
und spüre, wie die Vergangenheit leiser wird,
wie sie sich ordnet, ohne mich festzuhalten.

Vielleicht beginnt Wandlung genau hier:
im ruhigen Atemzug zwischen dem, was war,
und dem, was wird.

Die kommenden Wochen dürfen wachsen.
Ich gehe ihnen entgegen
mit einem Blick, der klarer geworden ist
und mit einer Gegenwart,
die bereit ist, weiterzugehen.

© 2026 – Hans Jürgen Groß




vertiefendes Bonusmaterial

Videozusammenfassung


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erweiterte Textanalyse

Hans Jürgen Groß gelingt eine berührende Verbindung von persönlicher Biografie und universellen Themen wie Heilung, Wandlung und Identität. Der Text zeigt, wie scheinbar banale Alltagsgegenstände – alte Karnevalsfotos – zu Schlüsseln für tiefgreifende Selbstreflexion werden können. Die bevorstehende Fastenzeit wird nicht als religiöser Akt, sondern als bewusster Lebensrahmen verstanden, in dem Vergangenheit integriert und Zukunft offengelassen wird.




Siehe auch:

Zusammenfassung

Ein Blick auf alte Dias führt mich zurück in die Karnevalszeit meiner Kindheit – und zeigt mir, wie viel Heilung inzwischen möglich geworden ist. Während die Fastenzeit vor der Tür steht, öffnet sich ein stiller Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ein persönlicher Weg der Wandlung, getragen von Bildern, die heute mit neuer Klarheit sprechen.

Schlagworte 

Fastenzeit, Karneval, Kindheitserinnerungen, Dias digitalisieren, biografisches Schreiben, persönliche Heilung, Mobbing überwinden, Familiengeschichte, Rückblick, Lebensweg, Achtsamkeit, Wandel, Selbstreflexion, Fotografie, Nostalgie, innere Entwicklung, Lebensschätze




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