Translate

Zwischen Winteratem und empfangendem Licht


In diesen Tagen gehe ich langsamer.
Die Landschaft gibt das Tempo vor.

Schnee liegt weit und offen.
Unberührt an manchen Stellen,
gezeichnet von Spuren an anderen.
Nichts wird verborgen –
und doch ist noch nichts entschieden.



Vierzig Tage sind vergangen
seit der tiefsten Dunkelheit des Jahres.
Vierzig Tage des Stillhaltens.
Des Wartens,
bis das Licht sich zeigen darf.

Es kommt nicht als Glanz.
Es liegt einfach da.
Kühl.
Weit.
Empfangend.

Ein einzelner Baum steht im Feld.
Kahl.
Nicht schwach –
sondern gesammelt.
Er weiß, dass jetzt nicht die Zeit des Austreibens ist,
sondern des Haltens.

Auch eine Bank wartet.
Nicht, um benutzt zu werden.
Sondern um da zu sein.
Bereit,
wenn jemand kommen möchte.


Seit Jahrtausenden kennen Menschen diese Tage.
Eine Zeit, in der nichts getan werden muss,
damit etwas geschieht.
Eine Schwelle,
die Geduld verlangt
und Vertrauen.

Unter dem Schnee ruht Leben.
Nicht aktiv.
Nicht drängend.
Aber vollständig anwesend.

Diese Tage tragen eine empfangende Qualität.
Ein weibliches Prinzip im ursprünglichen Sinn:
offen,
weit,
zulassend.
Nicht machend –
sondern tragend.

Vielleicht fühlen wir uns leerer jetzt.
Oder weiter.
Weniger beschäftigt,
mehr da.

Diese Zeit fragt nicht: Was kommt als Nächstes?
Sie fragt: Kannst du bleiben, wo du bist?

Noch ist Winter.
Und doch –
das Licht liegt schon auf der Erde.

Es darf sein.


© 2026 – Hans Jürgen Groß


vertiefende Textanalyse

Groß gelingt eine zeitgenössische Naturmeditation, die ohne esoterische Überfrachtung auskommt. Der Text lädt zur Entschleunigung ein, indem er sie selbst praktiziert. Er deutet die Winterruhe nicht als Mangel, sondern als notwendige Phase des Innehaltens - eine sanfte Widerrede gegen den Zwang zur permanenten Aktivität.




Zusammenfassung

Dieser poetische Blogtext lädt dazu ein, die stille Übergangszeit nach der Wintersonnenwende bewusst wahrzunehmen. Vierzig Tage nach der tiefsten Dunkelheit zeigt sich das Licht nicht als Aufbruch, sondern als leise, empfangende Präsenz. Winterlandschaft, Schnee, Weite und Ruhe werden zu Spiegeln innerer Prozesse: Warten, Vertrauen und das Zulassen dessen, was noch im Verborgenen reift. Der Text verbindet Naturbeobachtung mit einer zeitlosen Erfahrung von Schwelle und Wandlung und spricht Menschen an, die sich nach Entschleunigung, innerer Sammlung und sanfter Orientierung im Jahreslauf sehnen.

Stichworte

Wintersonnenwende, Imbolc, Lichtmess, Jahreskreis, Übergangszeit, Winterlandschaft, Stille, Empfangen, weibliches Prinzip, Schwellenzeit, innere Ruhe, Achtsamkeit, Naturspiritualität, poetischer Text, Lebensschätze



Beliebte Posts