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Das Märchen vom verlorenen Gleichgewicht auf der Wolke

Habt ihr euch eigentlich schon einmal gefragt,
warum die Wolken am Himmel immer gerade dahinziehen?
Warum sie nicht einfach umkippen und zur Erde fallen?
Warum sie so still über uns schweben, als hielten sie ein Geheimnis?

Das nachfolgende Märchen gibt einen kleinen Hinweis auf diese Fragen.
Vielleicht ist es mehr als nur eine Geschichte –
vielleicht ist es ein Bild für das, was uns alle trägt.
Und für das, was geschieht, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät.




Das Märchen vom verlorenen Gleichgewicht auf der Wolke
von: Hans Jürgen Groß
 

Es war einmal, hoch oben im Himmel, jenseits der Sicht der Menschen, eine große, helle Wolke. Auf ihr lebten fünf Wesen – menschenähnlich, freundlich und still. Jeder dieser Wolkenbewohner hatte seine eigene Sicht auf das Leben, und gemeinsam ergänzten sie einander. Die Wolke war ihr Zuhause – doch sie war auch Aufgabe und Sinn. Denn sie blieb nur dann im Gleichgewicht, wenn alle aufeinander achtgaben. Eine Bewegung, ein Wort, ja selbst ein Gedanke konnte das zarte Gleichmaß ins Wanken bringen, sodass die Wolke abzustürzen drohte.

Jeden Morgen, wenn der Himmel rosig schimmerte, saßen die Fünf am Rand der Wolke und spielten ein leises Spiel: Sie ließen silberne Stäbe in die Tiefe der Luft gleiten und stellten sich vor, was sie wohl aus dem Unsichtbaren zögen. Manches Mal war es ein fliegender Kuss, ein schlafendes Lied oder ein Tropfen Zeit – alles erdacht, alles leicht.

Doch eines Tages zog einer von ihnen etwas herauf, das wir Menschen wohl als echt oder real bezeichnen würden. Es war ein grauer, schwerer Stein. Der Wolkenbewohner, der diesen Fang gemacht hatte, war zuerst überrascht, dann lachte er triumphierend – während die anderen ihn schweigend anschauten. Der Stein war anders als das, was sie in ihrer Fantasie gefangen hatten. Er wog. Er zog. Und er weckte etwas in ihnen, das sie nie zuvor gespürt hatten: ein Habenwollen, ein Meinsagen, ein Ich.

So begann ein lautloser Wettkampf um den Stein. Es bildeten sich Koalitionen. Einer griff nach dem Stein, ein Zweiter wich zurück. Ein Dritter lief ans andere Ende der Wolke, um das Gewicht auszugleichen. Sie wechselten Plätze, wurden Verbündete, wurden Gegner. Für einen Beobachter hätte es wie ein Tanz gewirkt – doch es war ein Kampf, ein Ringen um den Besitz des Steins.

Schließlich riss einer den Stein an sich und stieß einen anderen beiseite. Der fiel – nicht schreiend, nur still – und verschwand stürzend unter der Wolke. Bald fiel ein Zweiter. Und ein Dritter.

Am Ende blieb nur einer übrig. Er stand allein, starrte auf den Stein am anderen Ende der Wolke und erkannte: Seine Aufgabe war nun allein, das Gleichgewicht der Wolke zu wahren. Er durfte sich nicht bewegen, nicht greifen, nicht lehnen. Nur stehen. Und tragen. Alle Leichtigkeit war verschwunden – das Schicksal der Wolke lastete schwer auf seinen Schultern, wie der Stein ihm gegenüber.

Tränen liefen ihm übers Gesicht und tropften durch die Wolke hindurch. Auf der Erde fiel Regen. Doch als die Tropfen die Welt berührten, begann der graue Stein zu leuchten – in Farben, die nur ein trauerndes Auge erkennt.

Er ahnte nicht, dass unter der Wolke eine zweite schwebte – weich genug, um die Gestürzten aufzufangen. Sie waren erschrocken, verunsichert – und doch heil. Als der Nebel des Schrecks sich lichtete, erkannten sie, tief berührt und weinend, was sie wirklich verloren hatten: Nicht der Stein war es, sondern das unsichtbare Band zwischen ihnen.

Da erschien am Himmel ein Regenbogen. Aus Tränen geboren, verband er die Wolken wie eine Brücke. Die Gestürzten stiegen hinauf – nicht als Opfer oder im Triumph des moralischen Siegers, sondern im Verstehen. Und der eine, der geblieben war, erkannte sie – und empfing sie mit offenem Herzen.

Und wieder nahmen sie ihren Platz ein, gingen ihrer eigentlichen Aufgabe nach, die ihnen Sinn und Lebendigkeit schenkte: das Gleichgewicht der Wolke zu halten. Und der Stein? Sie ließen ihn liegen, wo er lag – als Symbol ihrer Gemeinschaft und Mahnung. Das Gleichgewicht der Wolke war nicht mehr nur eine Pflicht. Es war ein Versprechen, das sie einander gaben – in jedem Augenblick neu.

Und so feiern sie noch heute das Fest der Freundschaft, jedes Jahr, auf ihrer Wolke. Der graue Stein des Geschehenen liegt in ihrer Mitte – nicht als Last, sondern als Erinnerung. Und wenn du jemals einen Tropfen auf deiner Stirn spürst, obwohl der Himmel klar ist, so könnte es sein, dass eine Freudenträne gefallen ist – von dort oben, wo das Gleichgewicht wohnt.

© 2025 Hans Jürgen Groß




Anmerkung

Diese Erzählung ist Bestandteil meiner Seminarreihe "Achtsamkeit und Resilienz“. Bereits im Jahr 2023 habe ich mich dem Thema auf erzählerische Weise angenommen: https://tinyurl.com/ytqwj8r3
Die Erzählung wurde inspiriert durch den Oskar-prämierten Kurzfilm Balance von Christoph und Wolfgang Lauenstein aus dem Jahr 1989.


Videoversion:

  


Bonusmaterial zur Vertiefung (KI-generiert:

Vom Gleichgewicht auf der Wolke
was uns ein Märchen lehrt
NotebookLM Podcast


Eine weitergehende, intensive Analyse und Interpretation des Märchens wurde von Claude ai erstellt. Diese ist unter dem folgenden Link abrufbar: https://claude.ai/public/artifacts/d60d506c-4c02-40cd-b66b-673668573db1


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☁️ Das Märchen vom verlorenen Gleichgewicht auf der Wolke

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