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Da, wo das Wasser steht – Sage vom Werwolf und dem Huckepack aus Melsungen-Schwarzenberg | Hans Jürgen Groß

Da, wo das Wasser steht

Eine alte Sage, vom Werwolf und dem Huckepack,
neu erzählt von Hans Jürgen Groß

Zusammenfassung: Die psychologische Neuerzählung der regionalen Sage aus Schwarzenberg (Melsungen), Schwalm-Eder-Kreis, Hessen, verknüpft die Überlieferungen vom Werwolf mit dem Zaubergürtel und vom Huckepack an der Fulda. Eine Frau sucht nach der verlorenen Kappe ihres Mannes und findet den Gürtel aus Wolfsfell – mit ihm die Wahrheit über den geachteten „Biedermann". Die Last des Wissens wechselt den Träger: Was der Mann verschweigt, trägt fortan die Frau. Die Sage wird zum Bild für Verdrängung, Schuld und geschlechtsspezifisches Schweigen.

Was wir nicht ansehen, steigt uns auf den Rücken –
und wer es verschweigt, trägt es weiter.

Eine Legende aus den alten Tagen, da die Nebel aus den Fuldawiesen stiegen und die Dunkelheit früh über die Dörfer fiel. Schwarzenberg, im Melsunger Land, wenige Jahre nach dem großen Krieg.

Manche Geschichten sind älter als die, die sie erzählen. Und manche sagen mehr, als sie sagen dürfen.

Sie stand auf, bevor im Dorf der erste Hahn seine Stimme fand, und es war nicht der Schlaf, der sie verlassen hatte. Sie hatte in dieser Nacht nicht geschlafen, sondern gewartet, wachgehalten von einer Hand, die sich auf die Brust legte und nicht weichen wollte.

Er lag gekrümmt auf der Seite, die Knie angezogen wie ein Kind, das sich vor der Welt verbirgt, und sein Atem ging schwer und ungleich. Sie zog die Decke über seine Schulter, verharrte einen Augenblick mit der Hand über dem Stoff, ohne ihn zu berühren, und ging hinaus.

Draußen lag der späte Herbst über dem Land. Die Ernte war eingebracht, das Laub lag nass in den Gräben, und von den Wiesen am Fluss kroch der Nebel herauf, langsam und lautlos, als wolle er das Dorf in Besitz nehmen. Sie legte das Tuch fester um Kopf und Schultern und schlug den Weg nach Röhrenfurth ein, denselben Weg, den er in der Nacht gekommen war, nur in umgekehrter Richtung.

Sie wollte die Kappe finden. Und mit ihr eine Gewissheit, von der sie selbst nicht hätte sagen können, ob sie sie fürchtete oder ersehnte.

Er war ein ordentlicher Mann. Das sagten alle, und sie hatte es nie bestritten. Er grüßte die Nachbarn mit Namen, er gehörte zu den Ältesten der Gemeinde und hatte noch nie ein böses Wort verloren. Er achtete darauf, dass die Kinder sauber waren, und wenn ihm der Pfarrer begegnete, zog er den Hut. Ein „Biedermann", sagte der Pfarrer. Ein Mann, auf den man sich verlassen kann.

Sie hatte es geglaubt. Sie glaubte es noch. Und doch war da etwas, das sie seit Jahren zwischen sich und ihm stehen sah wie einen Schatten, der nicht zu ihm gehörte. Etwas, das sie nicht hätte benennen können und das sie, wann immer es sich zeigte, rasch wieder fortschob, so wie man ein Tuch über einen Spiegel hängt, in den man nicht schauen will.

Manchmal, in der Kammer, wenn das Licht gelöscht war, hatte sie gemeint, es liege ein anderer neben ihr, mit einem Atem, der nicht der seine war, und mit Händen, die nicht wussten, wie man einen Menschen hält. Am Morgen hatte sie sich gesagt, sie habe geträumt, und sie hatte es sich so oft gesagt, bis sie es glaubte.

Er hatte nie davon gesprochen, und sie hatte nicht gefragt. So war es gewesen, all die Jahre, und vielleicht war es das, was sie auf diesem Weg suchte: nicht die Kappe, sondern den Mut, das Schweigen zu brechen.

Der Weg führte zwischen Hecken entlang, deren Zweige schwarz und nackt in den Nebel ragten, und je näher sie dem Wasser kam, desto langsamer wurde sie. Irgendwo im Grau schrie eine Krähe, einmal nur, und danach war es so still, dass sie das eigene Blut in den Ohren hörte. Sie ertappte sich dabei, dass sie den Kopf einzog, als könne von hinten etwas kommen.

Sie dachte an den gestrigen Abend, als er heimgekommen war. Er hatte auf dem Stuhl gesessen, die zitternden Hände auf den Knien, den Blick in die Glut des Herdes, und die Kinder hatten sich an ihren Rock gedrängt. Er war am Morgen nach Röhrenfurth gegangen, um dem Schwager beim Schlachten zu helfen, und wer vom Schlachten heimkommt, bringt ein Stück Fleisch mit, so ist es Brauch. Er hatte nichts gebracht. Die Sau sei noch nicht so weit gewesen, hatte er gesagt, man habe es auf die nächste Woche verschoben. Und dann hatte er zu erzählen begonnen.


Es war schon dunkel, als ich vom Schwager wegging, dunkler, als ich gedacht hatte, denn um diese Jahreszeit ist die Nacht auf einmal da. Ich dachte, eine Stunde, mehr ist es nicht. Den Weg bin ich hundertmal gegangen, und ich ging schnell, weil mir kalt war und weil ich heim wollte. Hinter den letzten Häusern kam der Nebel, so dicht, dass ich meine eigenen Füße kaum sah. Rechts vom Weg lag die Fulda, du weißt, wo die Wiesen sumpfig sind und das Wasser steht, da, wo im Frühjahr die Kröten ihren Weg zum Wasser suchen.

Dort wurde es auf einmal still, und ein Geruch von fauligem Laub und kaltem Schlamm, der einem in die Kehle kriecht, umgab mich. Ich meine nicht, dass es leise war, denn leise ist es nachts immer. Ich meine, dass alles aufhörte: kein Hund im Dorf, kein Vogel im Gebüsch, nicht einmal mehr das Tropfen von den Zweigen. Da hörte ich hinter mir ein Geräusch, nicht wie Schritte, eher wie etwas, das sich duckt und die Läufe unter den Leib zieht, und ehe ich mich umdrehen konnte, sprang es mir in den Rücken.

Im selben Augenblick fuhr mir ein Stich ins Kreuz, als hätte man mir ein Messer hineingetrieben und es umgedreht, so jäh und so hell, dass mir schwarz vor den Augen wurde und ich auf die Knie fiel. Ich schrie, glaube ich, und weiß nicht, ob ein Laut herauskam. Als ich mich wieder hochstemmen wollte, ging es nicht mehr. Mein Rücken war mit einem Mal hart wie ein Brett, und ich kam nur halb in die Höhe, gekrümmt wie ein alter Mann, und jeder Versuch, mich aufzurichten, schickte einen neuen Stich hinein, sodass ich es bald nicht mehr versuchte.

Und es war noch da. Es saß auf mir, in meinem Nacken, auf meinen Schultern, und es konnte nicht abgeworfen werden. Ich habe mich geschüttelt, so gut ich es konnte, und nach dem gegriffen, was mich hielt, und meine Hände griffen ins Leere, und doch spürte ich sein Gewicht. Umdrehen konnte ich den Kopf nicht, mein Nacken war steif, und etwas hielt mir das Genick, sodass ich nur nach vorn und nach unten sehen konnte, auf den Weg vor meinen Füßen. Vielleicht war das gnädig, denn ich weiß nicht, was ich gesehen hätte.

Als ich mich endlich wieder hochgerappelt hatte, ging ich weiter, wenn man das Gehen nennen kann. Ich schob einen Fuß vor den anderen, kleine Schritte, denn jeder größere Schritt fuhr mir wie ein Schlag ins Kreuz und von dort hinab in die Hüfte. Jeder Stein, über den ich stolperte, jede Wurzel, jede Unebenheit des Weges ging durch mich hindurch. Ich lernte schnell, dass es nur noch schlimmer wurde, wenn ich mich gegen den Schmerz stemmte, und doch konnte ich nicht anders, denn mein ganzer Leib hatte sich um diesen einen Punkt im Rücken zusammengezogen wie eine Faust.

Und mit jedem Schritt wurde das, was auf mir saß, schwerer. Erst war es wie ein Sack Korn, dann wie zwei, dann wie ein Mann, dann wie mehr, als ein Mann wiegen kann, und es drückte mich nieder. Ich bekam keine Luft mehr. Wenn ich tief einatmen wollte, schoss der Schmerz wieder ins Kreuz, also atmete ich flach und schnell, und das, was um meinen Hals lag, zog sich bei jedem Atemzug fester. Ich keuchte wie ein Hund nach der Hatz, und der Schweiß lief mir in die Augen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so ging. Der Weg, den ich in einer Stunde gehe, nahm kein Ende, die Hecken kamen und gingen und kamen wieder, als ginge ich im Kreis. Und einmal glaubte ich, den Geruch des stehenden Wassers in den Fuldawiesen wieder neben mir zu riechen, obwohl ich doch längst daran vorbei sein musste. Und irgendwann, ich schäme mich, es zu sagen, wollte ich nicht mehr. Ich dachte, leg dich hin, hier ins nasse Gras, lass es auf dir liegen, es ist ohnehin zu schwer, du schaffst es nicht bis nach Hause. Meine Beine zitterten, und das Ding auf meinem Rücken drückte, als wüsste es, was ich dachte, und als warte es nur darauf.

Doch etwas hielt mich. Frag mich nicht, was es war, ich weiß es nicht. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Dann noch einen. Ich zählte die Schritte, um nicht zu denken, und wenn ich mich verzählte, fing ich von vorn an und schleppte mich weiter, Atemzug um Atemzug, und das Gewicht blieb und brannte und würgte mich, aber ich ging.

Dann sah ich das Licht in unserem Fenster. Ich weiß nicht mehr, wie ich über den Hof gekommen bin. Ich weiß nur, dass ich vor der Tür stand und die Hand nach der Klinke ausstreckte, und in diesem Augenblick ließ es los. Es glitt mir vom Rücken, und ich hörte, wie es hinter mir auf die Steine kam, wie etwas, das abspringt und landet, und dann hörte ich, wie es sich entfernte, rasch und leise. Ich habe mich nicht umgedreht, ich hätte es nicht gekonnt, auch wenn ich es gewollt hätte, und ich weiß bis jetzt nicht, ob ich mich davor gefürchtet habe, was ich sehen würde, oder davor, was ich nicht sehen würde.

Erst hier in der Stube habe ich gemerkt, dass meine Kappe fort ist. Sie muss mir heruntergefallen sein, als es mich angesprungen hat, dort unten an der Fulda.


Er habe die Kappe verloren, hatte er gesagt, an der Fulda, in den Wiesen, da, wo das Wasser steht.

Sie hatte ihm Wasser gebracht und das nasse Hemd vom Leib gezogen und seinen Rücken angesehen, auf dem nichts zu sehen war, keine Kratzer und kein Mal. Bloß die Haut, die sich unter ihren Fingern heiß anfühlte wie bei einem Fieber, und die Muskeln neben dem Rückgrat, die so hart waren, als habe man Seile darunter gespannt. So sieht kein Mann aus, der nur geträumt hat.

Als die Weiden auftauchten, grau und gebeugt wie alte Frauen, die am Ufer auf jemanden warten, wusste sie, dass sie an der Stelle angekommen war, von der er gesprochen hatte. Das Wasser stand still in den Wiesen, ohne Strömung und ohne Laut. Und der Nebel lag so dicht darauf, dass man nicht sagen konnte, wo das Wasser endete und die Luft begann.

Im Gras am Wegrand, niedergedrückt und zerwühlt, als habe sich dort etwas Schweres gewälzt, sah sie die Stelle, an der er in die Knie gegangen sein musste. Sie begann zu suchen.

Die Kappe lag nicht weit vom Weg im hohen, nassen Gras, umgestülpt, als habe sie jemand achtlos fortgeworfen, und sie war schwer vom Tau und kalt, als sie sie aufhob. Sie drehte sie in den Händen, die Kappe, die sie ihm vor drei Wintern genäht hatte, mit dem Flicken am Rand, wo der Stoff durchgescheuert war. Für einen Augenblick war sie beinahe erleichtert. Die Kappe lag dort, wo er gesagt hatte, und also war alles so gewesen, wie er erzählt hatte.

Dann sah sie die Spuren.

Sie kamen von den Wiesen herauf, tief in den aufgeweichten Boden gedrückt, Abdrücke von breiten Pfoten mit vier Ballen und den Malen langer Krallen davor, größer als jeder Hund im Dorf sie hätte hinterlassen können. Sie führten in gerader Linie auf die Stelle zu, an der das Gras niedergedrückt war. An der zerwühlten Stelle hörten sie auf, und es begannen andere, die zum Weg führten, schleppend und ungleich, die Spuren eines Mannes, der kaum noch die Füße heben kann. Es waren Stiefel, und der rechte hatte an der Sohle den schiefen Absatz, den sie im Sommer selbst mit einem Lederstück unterlegt hatte.

Unter den Wurzeln der nächsten Weide, halb im Schlamm verborgen, als habe ihn jemand in großer Eile dort hineingestopft, lag ein Gürtel aus grauem Fell, steif von Nässe. Als sie sich bückte, um ihn herauszuziehen, roch sie ihn, bevor sie ihn berührte, und es war ein Geruch, den sie kannte. An der Schnalle hing etwas Dunkles, das kein Schlamm war.

Sie stand lange da, die Kappe in der einen, den Gürtel in der anderen Hand, und was so lange nebeneinander in ihr gelegen hatte wie Scherben in einer Schublade, die man nicht öffnet, fügte sich zusammen. Nicht langsam, sondern mit einem Schlag. Die Nächte, in denen sein Platz neben ihr kalt geblieben war. Der scharfe Geruch nach nassem Fell und kaltem Schlamm, den er am Morgen in die Kammer brachte. Das gerissene Kalb des Nachbarn, über das er beim Essen kein Wort verloren hatte. Die Worte ihrer Großmutter über die Männer, die einen Wolf aus dem Krieg mitgebracht hatten, den man ihnen bei Tage nicht ansah. Und sein Rücken, auf dem nichts zu sehen war und der sich heiß anfühlte wie Fieber. Und die anderen Nächte, in denen er nicht fortgegangen, sondern geblieben war, und von denen sie sich jeden Morgen gesagt hatte, sie habe sie geträumt. Die Male an ihren Oberarmen, die sie unter den Ärmeln verbarg und für die sie den Nachbarinnen Erklärungen gab, so wie er ihr Erklärungen gab.

Lange stand sie so dort. Jenseits des Flussbogens hob sich der Nebel ein wenig, und sie sah den Rauch von Röhrenfurth aufsteigen, dünn und grau in den Morgen, und unter diesem Rauch stand das Haus ihres Bruders. Sie hätte hinübergehen können, um zu fragen, ob gestern geschlachtet worden war. Sie stand da und sah auf den Rauch, und sie ging nicht hin.

Sie wickelte den Gürtel in ihr Schultertuch. Sie steckte die Kappe darunter. Und dann tat sie das, was von ihr erwartet wurde und was sie selbst nicht anders konnte: Sie ging nach Hause.

Der Nebel hatte sich nicht gehoben, er hatte nur seine Farbe verändert, von Grau zu einem fahlen Weiß, in dem die Hecken wie Schatten von Hecken standen. Sie ging schnell, das Bündel an die Brust gedrückt. Sie blieb nicht stehen, was auch geschehen mochte. Und während sie ging, spürte sie es. Es legte sich auf sie, langsam und beinahe sanft, wie sich eine Hand auf eine Schulter legt, die man lange kennt. Sie spürte das Gewicht zwischen den Schulterblättern, sie roch das nasse Fell, und sie wusste nicht mehr, ob der Geruch aus dem Bündel kam oder von dem, was auf ihr saß. Sie versuchte nicht, es abzuschütteln. Sie wusste, dass es sich nicht abschütteln ließ.

Mit jedem Schritt wurde es schwerer. Ein Stechen fuhr ihr ins Kreuz, und sie ging gebeugter, als sie es je gegangen war, und mit jedem Schritt beugte sie sich ein wenig mehr, so wie er sich gebeugt hatte. Sie dachte an die Nächte neben ihm, an die sie nicht denken, die sie vergessen wollte, an die Abende, an denen sie ihm den Rücken eingerieben hatte, und an die harten Stränge unter ihren Händen. Jetzt wusste sie, was daran gehangen hatte. Jetzt trug sie es selbst.

Und sie begriff, dass es nicht seine Last allein war, die sie nun trug. Es war das Wissen, mit wem sie die Kammer teilte, mit wem sie die Kinder hatte, mit wem sie alt werden würde, und dieses Wissen ließ sich nicht wieder unter das Leinen legen wie ein Gürtel. Solange sie vergessen hatte, hatte er getragen. Nun konnte sie nicht mehr vergessen.

Sie dachte nicht daran, sich fallen zu lassen. Sie dachte an die Kinder, die zu Hause schliefen, an das Feuer, das sie anfachen musste, an die Kuh, die gemolken werden wollte. Und sie dachte an den Mann, der gekrümmt in der Kammer lag und nicht wissen sollte, was sie gefunden hatte. Sie zählte keine Schritte, sie ging einfach, wie Frauen gehen, die gelernt haben, dass das Gehen nicht aufhört, nur weil es schwer wird.

Vor der Haustür blieb sie stehen. Sie streckte die Hand aus und legte sie auf das kalte Holz. Es ließ nicht los. Es blieb, wo es war, zwischen ihren Schultern, still und schwer, und als sie die Tür öffnete und über die Schwelle trat, trat es mit ihr ins Haus.

Er erwachte am Mittag und kam in die Stube, und er ging aufrechter, als sie ihn seit Jahren hatte gehen sehen. So, als habe ihm jemand während seines Schlafes ein Gewicht abgenommen, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es trug. Er fragte nach der Kappe, und sie sagte, sie habe sie an der Fulda gefunden, im Gras, nicht weit vom Weg, und hängte sie an den Haken neben der Tür, wo sie immer hing. Er sah sie an. Sie sah zurück und wich zum ersten Mal seinem Blick nicht aus. Keiner von beiden sagte etwas. Den Gürtel hatte sie unter das Leinen in ihrer Truhe gelegt, ganz nach unten, unter die Tücher, die sie aus dem Haus ihrer Mutter mitgebracht hatte. Den Schlüssel trug sie seit diesem Tag an einer Schnur unter dem Kleid.

Sie aber ging von jenem Herbst an gebückt. Wenn die Nachbarinnen sie fragten, sagte sie, es sei die Arbeit, das Holz, die Ernte, die Jahre, und man glaubte es ihr, weil es sich glauben ließ. In den Wintern, die folgten, saß sie abends am Herd und rieb sich selbst mit Schmalz den Rücken ein, so weit ihre Hände reichten, und wo sie nicht hinreichte, blieb es hart.

Und doch war da die Spinnstube.

In den langen Winternächten, wenn die Räder schnurrten und die Männer draußen waren oder schliefen, saßen die Frauen beieinander. Es wurde von der Kälte gesprochen, von den Kindern, von der Ernte, und dann, wie es so geht, vom Huckepack. Von dem Wesen, das einem in den Rücken springt, unten an der Fulda, dort, wo das Wasser steht, und das einen nicht mehr loslässt. Von den Werwölfen, die die Männer aus dem Krieg mitgebracht hatten und die man bei Tage nicht sah. Von dem einen Wolf, der nachts durch die Wiesen ging, dem anderen, der im Schlaf heulte, und dem, über den man besser nicht sprach.

Dann wurde es still im Raum, und man hörte nur die Räder. Und wenn eine von ihnen doch etwas sagen wollte, sagte sie es nicht, sondern sah in die Glut, und die anderen sahen mit ihr, und es war, als hätte sie es gesagt.

Es waren Geschichten, und es waren keine Geschichten. Die Frauen, die zuhörten, wussten, wovon die Rede war, und die Frauen, die erzählten, wussten, dass sie verstanden wurden. Keine fragte nach, keine sagte mehr, als sie sagen wollte, und keine nannte einen Namen.

Sie saß mit am Feuer, die Hände im Schoß, und wenn die Rede auf den Huckepack kam, sagte sie nichts. Sie musste nichts sagen. Die Frauen sahen sie an, und sie sahen, wie sie saß, und sie wussten es. Und wenn eine von ihnen später nach Hause ging, gebückter als am Abend zuvor, dann wusste sie, dass sie nicht allein war mit dem, was sie trug.

Weil die Frauen es so viele Winter lang erzählten, glaubten am Ende auch die Männer daran. Die Kinder wuchsen damit auf, und die Geschichte wurde mit jedem Erzählen ein wenig größer und ein wenig ungenauer, so wie es mit Geschichten geschieht.

Sie hatte die Kappe gefunden.

Sie wusste.

Sie schwieg.

Und sie trug.

Nachwort

Die Erzählung »Da, wo das Wasser steht« geht auf zwei kurze Überlieferungen zurück, die im Dorfbuch »750 Jahre Schwarzenberg 1262–2012« unter der Überschrift »Geschichten und Sagen« festgehalten sind. Die dort wiedergegebenen Texte beruhen auf Aufzeichnungen, die Schülerinnen und Schüler des Lehrers P. Schmidt im Jahr 1933 nach mündlichen Erzählungen anfertigten.

Die Überlieferung kennt den Mannwolf, der sich mit einem Gürtel aus Wolfshaut verwandeln kann. Sie kennt den Huckepack, der sich nächtlichen Heimkehrern auf den Rücken setzt und erst vor deren Haustür wieder von ihnen ablässt. Sie kennt die Fulda, den Weg zwischen Röhrenfurth und Schwarzenberg und die verlorene Kappe eines Biedermannes. Viel mehr erzählt sie nicht. Und doch liegt in diesen wenigen Bildern mehr, als ihre Knappheit vermuten lässt.

Besonders die Fuldalandschaft wurde zum Ausgangspunkt der Neuerzählung. Während die Fulda ihren Weg durch die Landschaft nimmt, kommt das Wasser in den sumpfigen Wiesen zum Stehen. Ein Ort, an dem etwas stehen bleibt.

Gerade deshalb erschien mir dieser Ort als die eigentliche Mitte der Sage. Nicht der Wald, nicht das Dorf, nicht die Nacht – sondern das stehende Wasser.

Der Fluss gehört zu den ältesten Bildern des Lebens. Er steht für Bewegung, Wandlung und Weitergabe. Die sumpfigen Wiesen dagegen bewahren etwas von dem, was nicht weiterfließen kann. Sie werden dadurch zu einem natürlichen Schwellenort. Hier begegnen die Figuren nicht nur einem Spukwesen, sondern dem, was sie über Jahre mit sich getragen haben. Hier geraten Dinge an die Oberfläche, die lange darunter gelegen haben. Und hier bricht für einen Augenblick die Ordnung auf, unter der sich das Dorf eingerichtet hat.

Die Erzählung spielt in einer Zeit, Mitte des 17. Jahrhunderts, in der die Erinnerungen an Krieg und Gewalt noch nahe sind. Die Kämpfe selbst treten nicht in Erscheinung, und doch liegt ihr Nachhall über dem Dorf wie etwas, das vergangen sein sollte und dennoch geblieben ist. Gewalt verschwindet nicht immer mit dem Ende eines Krieges. Manchmal verändert sie ihre Gestalt. Sie geht mit den Menschen nach Hause, setzt sich mit ihnen an den Tisch und lebt in ihnen weiter, lange nachdem die Waffen verstummt sind.

Der Wolf der Erzählung kann deshalb als Bild für das verstanden werden, was ein Mensch aus solchen Erfahrungen mitbringt. Die Geschichte interessiert sich jedoch weniger dafür, woher der Wolf kommt, als für die Frage, was der Mensch mit ihm tut.

Deshalb wurde für die Neuerzählung der Gürtel zum eigentlichen Schlüsselmotiv.

In der Überlieferung ist der Gürtel das Mittel der Verwandlung. Der Mannwolf wird nicht von einer fremden Macht überwältigt. Er legt den Gürtel selbst an. Darin liegt der Unterschied zum Huckepack: Während dieser einem Menschen widerfährt, verweist jener auf eine Entscheidung.

Der Krieg mag erklären, woher die Dunkelheit kommt. Er nimmt dem Menschen jedoch nicht die Verantwortung für das, was er mit ihr tut.

Die Erzählung versucht deshalb nicht, die Verantwortung des Mannes auf seine Vergangenheit zu verlagern. Seine Verwundungen mögen wirklich sein. Seine Schuld wird dadurch nicht aufgehoben. Er trägt den Wolf in sich, doch er entscheidet sich zugleich immer wieder, ihm Raum zu geben. Der Gürtel verweist auf diese Freiheit zur Entscheidung und auf die Verantwortung, die mit ihr verbunden bleibt.

Kappe und Gürtel erscheinen zunächst als Gegensätze. Die Kappe gehört dem geachteten Mann, dem Nachbarn, dem Biedermann. Der Gürtel gehört dem Wolf. Doch beide verbergen etwas. Die Kappe verdeckt das Dunkle. Der Wolf verdeckt den Menschen, der sich für das Dunkle entscheidet.

An den nebligen Fuldawiesen verliert der Mann beides zugleich. Die Kappe bleibt im Gras zurück, der Gürtel unter den Wurzeln der Weide, und für einen Augenblick liegt vor der Frau, was sonst niemals gleichzeitig sichtbar wird. Die Rolle des geachteten Mannes und das Mittel seiner Verwandlung sind voneinander getrennt worden. Nichts steht mehr zwischen dem Menschen und dem, was er geworden ist.

An diesem Punkt verweilt die Neuerzählung. Nicht bei der Frage, ob der Mann Biedermann oder Wolf ist. Sondern bei dem, was sichtbar wird, wenn beides von ihm abfällt.

Der Huckepack erhält dadurch eine andere Bedeutung, als die Sage zunächst vermuten lässt. Er erscheint nicht nur als Last, die von außen kommt. Er wird zugleich zum Bild jener Last, die entsteht, wenn ein Mensch mit sich selbst konfrontiert wird. Es ist die Last der Erkenntnis, die Last des Sehens – die Last dessen, was nicht länger verdrängt werden kann.

Der Mann trägt diese Last jedoch nicht.

Als er nach Hause kommt, erzählt er nicht vom Gürtel. Er erzählt vom Huckepack. Er erzählt von einer Macht, die ihn angesprungen habe, von etwas Fremdem, das ihm widerfahren sei. Aus einer Entscheidung wird auf diese Weise ein Schicksal. Aus Verantwortung wird Widerfahrnis. Die Geschichte, die er erzählt, schützt ihn vor der Erkenntnis dessen, was an der Fulda für einen Augenblick sichtbar geworden ist.

Die Frau findet am nächsten Morgen die Kappe.

Und sie findet den Gürtel.

Vor allem aber findet sie den Teil der Geschichte, der nicht erzählt wurde.

Sie erkennt den Zusammenhang zwischen Wolf und Biedermann, zwischen Tat und Rechtfertigung, zwischen dem Schweigen der vergangenen Jahre und dem, was dieses Schweigen verborgen hat. Damit gelangt auch sie an eine Schwelle.

Warum sie schweigt, bleibt offen. Vielleicht wirken Liebe, Gewohnheit, Angst und die Sorge um die Kinder gleichermaßen. Hinzu kommt die Welt, in der sie lebt, eine Ordnung, die von Männern geprägt ist und einer Frau nur wenige Wege offenlässt. Die Erzählung entscheidet sich bewusst gegen eine eindeutige Antwort. Sie zeigt die Enge des Raumes, in dem ihre Entscheidung getroffen wird.

Und dennoch bleibt es eine Entscheidung.

Indem sie schweigt, übernimmt sie etwas, das der Mann nicht tragen will. Nicht seine Schuld, denn die bleibt seine. Sie übernimmt die Last des Wissens.

Der Huckepack wechselt den Rücken.

Von diesem Augenblick an trägt sie die Erkenntnis. Sie weiß, was geschehen ist. Sie weiß, wer der Mann ist. Und sie entscheidet sich, mit diesem Wissen zu leben.

Deshalb wird die Spinnstube zum zweiten wichtigen Ort der Erzählung. Dort sitzen Frauen zusammen, die Unterschiedliches erlebt haben mögen und sich dennoch verstehen. Wenn sie von Werwölfen, Huckepacks und Wesen der Nacht erzählen, sprechen sie nicht nur von Sagengestalten. Sie sprechen in Bildern über Erfahrungen, für die eine offene Sprache oft keinen Raum findet. Die Sage wird dadurch nicht nur zur Überlieferung, sondern zu einer Form des Erinnerns, die zugleich ein Verbergen ist.

Vielleicht liegt darin überhaupt die besondere Kraft solcher Geschichten. Sie bewahren Erfahrungen, die sich einer direkten Sprache entziehen, und geben ihnen eine Gestalt, die weitererzählt werden kann. Was verborgen werden muss, verschwindet dadurch nicht. Es zeigt sich lediglich in anderer Form.

Die alte Überlieferung schenkte dieser Neuerzählung ihre Bilder: den Wolf, den Gürtel, die Kappe, den Huckepack, den Weg und die Fulda. Die vorliegende Erzählung folgt diesen Bildern und versucht, den Raum zu betreten, den sie öffnen.

Je länger ich mich mit diesen Bildern beschäftigte, desto mehr erschien mir der Ort an der Fulda als das eigentliche Zentrum der Geschichte. Das Wasser, das in den Wiesen steht, fließt hier nicht mehr weiter. Es bleibt zurück. So verhält es sich auch mit den Menschen dieser Erzählung. Der Mann findet keinen Weg aus den Mustern, die er immer wieder neu belebt. Die Frau kann das Wissen nicht mehr verlieren, das sie an jenem Morgen gewonnen hat. Und das Dorf bewahrt seine Erfahrungen in Geschichten, die weitererzählt werden, weil sich das, was sie enthalten, nicht vollständig vergessen lässt.

Vielleicht erzählt die Sage deshalb bis heute von jenem Ort am Weg nach Schwarzenberg. Nicht weil dort einst ein Huckepack gelauert haben soll, sondern weil sich in der Vorstellung eines Wesens, das sich auf den Rücken eines Menschen setzt und nicht mehr loslässt, etwas Zeitloses verdichtet hat.

Manche Lasten verschwinden nicht, solange sie nicht angesehen werden. Sie ändern ihre Gestalt. Und manchmal werden sie zu Geschichten, die über Generationen weitergezählt werden – weil in ihnen etwas aufgehoben bleibt, das anders nicht erinnert werden könnte.


Quellenangabe

Die beiden kurzen Absätze, auf denen diese Erzählung beruht, finden sich im Dorfbuch „750 Jahre Schwarzenberg 1262–2012“, herausgegeben von Adolf Seitz, Benno Sichler und Helmut Sinning, Schwarzenberg 2012, Seite 405.

Link zum Dorfbuch: Dorfbuch Schwarzenberg auf Yumpu

© 2026 – Hans Jürgen Groß

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