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Im Gleichgewicht. Die Mitte, die wandert

Im Gleichgewicht. Die Mitte, die wandert
eine literarische Meditation
von Hans Jürgen Groß


Es gibt diese Tage im Herbst, an denen Licht und Dunkelheit einander beinahe die Waage halten.

Der Sommer ist noch nicht ganz gegangen. Seine Wärme liegt manchmal noch in der Luft, während die ersten Blätter ihre Farbe verändern und die Abende kühler werden.

Etwas bleibt.

Etwas verändert sich.

Etwas beginnt, loszulassen.

Zur Tagundnachtgleiche begegnen sich Licht und Dunkelheit für einen Augenblick beinahe auf Augenhöhe. Schon am nächsten Tag verschiebt sich ihr Verhältnis wieder.

Die Natur scheint damit erstaunlich gelassen umzugehen.

Der Herbst kämpft nicht gegen den Sommer. Die Dunkelheit muss das Licht nicht besiegen. Das eine geht, während das andere kommt.

Vielleicht liegt darin bereits eine leise Antwort auf eine Frage, die uns selbst immer wieder beschäftigt:

Wie leben wir mit den Gegensätzen, die zu uns gehören?

Zwischen den Polen

Wir möchten gewinnen und nicht verlieren.

Wir wünschen uns Nähe und benötigen Abstand.

Wir suchen Sicherheit und sehnen uns nach Freiheit.

Wir halten fest und spüren zugleich, dass manches gehen will.

Dabei leben wir nur selten an den äußersten Enden. Fast immer befinden wir uns irgendwo dazwischen.

Erst indem wir unterscheiden, entstehen die Pole.

Wir geben ihnen Namen: arm und reich, Nähe und Distanz, Sicherheit und Freiheit, Leben und Tod.

Diese Unterscheidungen helfen uns, die Welt zu begreifen. Doch indem wir etwas voneinander trennen, können wir leicht vergessen, dass die Gegensätze aus demselben Ganzen hervorgehen.

Mehr noch: Der eine Pol wird erst durch den anderen erfahrbar.

Wir erkennen Nähe, weil es Distanz gibt. Freiheit wird vor dem Hintergrund von Bindung sichtbar.

Die Gegensätze stehen einander nicht einfach gegenüber.

Sie machen einander erfahrbar.

Auch das Männliche und Weibliche lassen sich in diesem Sinne als unterschiedliche Bewegungen verstehen: als Kräfte des Hinaustretens und Empfangens, des Gestaltens und Geschehenlassens. Beide können im Menschen gegenwärtig sein.

Die Pole liegen in unserer Vorstellung oft weiter auseinander als im Leben.

Was der Atem längst weiß

Unser Atem erzählt davon.

Wir atmen ein und aus.

Wir nehmen auf und lassen los.

Zwei Bewegungen in entgegengesetzte Richtungen. Wir können sie unterscheiden und ihnen Namen geben.

Und doch sind sie ein Atem.

Kein Einatmen kann bleiben. Kein Ausatmen dauert für immer. Das eine geht in das andere über.

Auch unser Körper kennt keine starre Mitte. Wenngleich wir still sitzen, gleicht er fortwährend aus. Ein Muskel gibt nach, ein anderer hält. Unser Gewicht verlagert sich kaum merklich.

Gleichgewicht ist kein Stillstand.

Es entsteht immer wieder neu.

Unsere Mitte ist deshalb kein Punkt, den wir einmal erreichen und dann bewahren müssen.

Sie darf wandern.

Darin liegt eine tiefere Form des Gleichgewichts: nicht in der Gleichheit der Kräfte, sondern in ihrem lebendigen Verhältnis.


Die Linien unseres Lebens

Stellen wir uns die Gegensätze unseres Lebens als Linien vor.

An ihren Enden liegen die Pole. Dazwischen liegt der weite Raum, in dem unser Leben geschieht.

Und irgendwo dort befinden wir uns.

Nicht dort, wo wir sein sollten.

Sondern dort, wo wir heute sind.

Doch keine dieser Linien steht für sich allein.

Wenn wir mehr Nähe zulassen, verändert sich damit auch unser Verhältnis zur Freiheit. Wenn wir Sicherheit suchen, gewinnen wir Halt und begrenzen womöglich zugleich unseren Spielraum.

Keine Bewegung bleibt ohne Wirkung.

Was sich an einer Stelle verändert, berührt auch anderes.

Wir wünschen uns dennoch gern das eine ohne das andere:

Freiheit ohne Unsicherheit.

Nähe ohne Verletzlichkeit.

Sicherheit ohne Begrenzung.

Das Licht, aber nicht den Schatten.

Doch wo Licht hinfällt, entsteht auch Schatten.

Nicht, weil mit dem Licht etwas nicht stimmt.

Sondern weil beides zu derselben Wirklichkeit gehört.

Wie eine Schneeflocke

Lassen wir die Linien einander kreuzen, entsteht eine Gestalt, einer Schneeflocke gleich.

Sie liegt nicht außerhalb ihrer Linien.

Sie entsteht aus ihrem Zusammenspiel.

Jede steht in Beziehung zu den anderen, jede trägt zur Gestalt des Ganzen bei. Aus ihren Verbindungen entsteht der Stern und mit ihm seine Mitte.

Auch wir lassen uns auf diese Weise betrachten.

Unser gegenwärtiger Ort auf einer Linie steht nie für sich allein. Verändert er sich, verschieben sich auch die Beziehungen zu den anderen Linien.

Der ganze Stern antwortet.

Nicht indem er seine Unterschiede auflöst, sondern indem er sie miteinander verbindet.

Die Mitte liegt nicht außerhalb dieser Bewegung.

Sie zeigt sich in ihr.

Verändern sich die Linien, verändert sich die Gestalt.

Die Mitte wandert.

Und dennoch bleibt der Stern ganz.



Die Einheit, nach der wir suchen

Darin liegt etwas Eigenartiges.

Wir sehnen uns danach, unsere Mitte zu finden. Bei uns anzukommen. Ganz zu sein.

Und suchen diese Einheit oft, indem wir versuchen, Gegensätze aufzulösen, als müssten wir entscheiden, was zu uns gehört und was nicht.

Doch Nähe und Distanz können in derselben Beziehung leben.

Sicherheit und Freiheit im selben Menschen.

Halten und Loslassen können einander nicht nur widersprechen, sondern einander auch ermöglichen.

Die Einheit liegt nicht irgendwo zwischen den Polen.

Sie umfasst sie.

Und alles, was dazwischen liegt.

Wie die Schneeflocke ihre Gestalt aus den Linien und ihren Verbindungen gewinnt, so entsteht auch Ganzheit nicht durch Gleichheit.

Sie entsteht durch Beziehung.

Die Schneeflocke muss ihre Unterschiede nicht überwinden, um ganz zu sein.

Sie ist es bereits.

Auch wir müssen keinen idealen Mittelpunkt erreichen, um im Gleichgewicht zu sein.

Denn die Mitte ist kein fester Ort.

Sie wandert mit dem Leben.

Die Mitte, die wandert

Die Tagundnachtgleiche währt nur einen Augenblick.

Schon danach verschiebt sich das Verhältnis von Licht und Dunkelheit. Die Nächte werden länger. Monate später kehrt sich die Bewegung wieder um.

Die Mitte wandert.

Und die Welt fällt darüber nicht auseinander.

Im Gegenteil: Gerade in dieser Bewegung bleibt sie in ihrem Rhythmus.

Auch unser Leben verlangt nicht nach einem vollkommenen Punkt, an dem endlich nichts mehr schwankt.

Wir bewegen uns.

Was wir verändern, verändert anderes mit.

Was wir gewinnen, lässt etwas zurück.

Was wir festhalten, bindet uns.

Was wir loslassen, schafft Raum.

Die Linien verschieben sich.

Die Gestalt antwortet.

Und die Mitte wandert mit.

Vielleicht müssen wir unsere Mitte deshalb gar nicht finden.

Es genügt, unseren gegenwärtigen Ort wahrzunehmen und zu erkennen, dass auch er zum Ganzen gehört.

Wir geben den Polen ihre Namen, um das Leben zu begreifen.

Doch das Leben selbst bleibt ungeteilt.

Die Mitte wandert.

Die Gestalt verändert sich.

Und das Ganze bleibt.

Die Einheit, nach der wir uns sehnen, liegt vielleicht nicht vor uns.

Wir sind längst in ihr.


© 2026 – Hans Jürgen Groß




vertiefendes Bonusmaterial (KI-generiert):

⚖️ Im Gleichgewicht. Die Mitte, die wandert

Eine literarische Meditation über Gegensätze, lebendiges Gleichgewicht und die Einheit hinter den Polen
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Videozusammenfassung









Zusammenfassung

Was bedeutet es, im Gleichgewicht zu sein? Ausgehend von der Tagundnachtgleiche betrachtet dieser Text die Polaritäten unseres Lebens: Nähe und Distanz, Sicherheit und Freiheit, Festhalten und Loslassen. Das Bild einer Schneeflocke zeigt, wie aus verschiedenen Linien und ihren Beziehungen ein Ganzes entsteht. Unsere Mitte ist dabei kein fester Punkt. Sie wandert mit dem Leben, während wir erkennen können, dass die Einheit, nach der wir suchen, längst da ist.

Stichworte

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