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Die Seiltänzerin




Was du festhältst, ruft nach dem Loslassen.
Was du ablehnst, hält dich fest.
Der Augenblick selbst ist ungeteilt.
(Weisheit der Nomaden in der Zeit)


Es war einmal eine junge Frau, die auf einem Seil stand, hoch zwischen zwei alten Türmen. Sie stand schon so lange dort, dass unten im Tal niemand mehr wusste, ob sie auf etwas wartete oder ob das Warten selbst längst ihr Leben geworden war.

Man erzählte sich, sie müsse eine große Seiltänzerin sein. Wie sonst hätte sie dort oben stehen können, auf diesem dünnen Seil, das sich im Licht beinahe verlor und bei jedem Windhauch leise zu schwingen begann? Die Menschen kamen von weit her, um sie gehen, vielleicht sogar tanzen zu sehen. Doch wenn sie unten im Tal die Hände über die Augen legten und zu ihr hinaufsahen, sahen sie nichts von alledem. Sie sahen eine Frau, die stillstand, als hätte sie einmal gelernt, dem Leben vorrangig dadurch zu begegnen, dass sie sich möglichst wenig bewegte.

Ihre Mutter war ebenfalls auf dem Seil gegangen und hatte ihr früh beigebracht, die Mitte zu suchen. Nicht zu weit nach links, hatte sie gesagt, und nicht zu weit nach rechts. Dort, in der Mitte, liegt das Gleichgewicht.

Es war einer jener Sätze, die Eltern ihren Kindern mitgeben, weil sie sie vor dem Fallen bewahren möchten, und die sich tief in einem Menschen niederlassen können, lange bevor er versteht, was sie dort bewirken.

Dabei hatte das Mädchen etwas anderes gesehen. Wenn die Mutter auf dem Seil ging, blieb sie niemals in jener Mitte, von der sie sprach. Ihr Körper gab nach und fing sich wieder, neigte sich gegen den Wind und manchmal mit ihm. Der eine Arm sank, während der andere sich hob, die Knie wurden weich, der nächste Schritt folgte. Alles an ihr war Bewegung.

Doch Kinder bewahren nicht immer das, was sie gesehen haben. Manchmal bewahren sie das, was man ihnen gesagt hat.

So blieb der Tochter von ihrer Mutter eine seltsame Trennung zurück: Ihr Körper erinnerte sich an die Bewegung, doch in ihrem Denken lebte die Regel.

Vielleicht begann ihr eigentliches Schwanken genau dort.

Von ihrem Vater war ihr etwas anderes geblieben. In den warmen Nächten ihrer Kindheit hatte er mit ihr im Gras gelegen und in den Himmel gesehen. Er kannte die Sterne und ihre langsamen Wege und hatte ihr einmal gesagt, manches bewege sich so langsam, dass ein Menschenleben kaum ausreiche, um seine Bewegung wahrzunehmen.

Damals hatte sie nicht verstanden, was er meinte. Vielleicht hatte er auch nur von den Sternen gesprochen.

So stand sie nun zwischen dem Satz der Mutter und dem Himmel des Vaters und suchte jenen einen Punkt, an dem nichts mehr schwankte. Weil aber jeder Schritt das Seil bewegte, begann sie mit den Jahren, sich immer weniger zu bewegen. Sie hielt die Knie steif, den Atem flach und die Arme so ruhig, als ließe sich das Leben überlisten, wenn man nur lange genug stillhielt.

Die Menschen unten hielten das für Ruhe.

Niemand sah ihre Angst.

Denn Angst ist aus der Ferne schwer zu erkennen. Manchmal trägt sie das Gesicht der Vernunft, manchmal das der Beherrschung, manchmal sieht sie beinahe aus wie Frieden.

Eines Spätsommertages kam eine alte Frau auf den Turm. Sie blieb dort stehen, wo das Seil tief im Mauerwerk verankert war, und sah lange zu der Tänzerin hinaus.

„Warum gehst du nicht weiter?“, fragte sie schließlich.

„Weil ich das Gleichgewicht verlieren könnte.“

Die Alte nickte und schwieg eine Weile.

„Und so verlierst du lieber nichts.“

Die Seiltänzerin erzählte ihr von der Mutter und von der Mitte, die sie nicht verlassen dürfe. Die alte Frau hörte ihr zu, ohne zu widersprechen. Erst als sie gehen wollte, wandte sie sich noch einmal um.

„Vielleicht“, sagte sie, „solltest du dich weniger daran erinnern, was deine Mutter gesagt hat, und mehr daran, wie sie gegangen ist.“

Dann stieg sie die Treppe hinunter.

Der Satz blieb.

In den folgenden Tagen kehrten Bilder zurück, die lange unter anderen Erinnerungen gelegen hatten: die nackten Füße der Mutter auf dem alten Balken hinter dem Haus, ihre weichen Knie, das Kleid im Wind und ihre Arme, von denen fast immer einer ein wenig höher gewesen war als der andere.

Und mit einem Mal sah die Tochter etwas, das sie als Kind nie gesehen hatte.

Ihre Mutter hatte geschwankt.

Nicht manchmal. Immer.

Vielleicht war das Schwanken niemals die Störung des Gleichgewichts gewesen. Vielleicht war es das Gleichgewicht selbst.



Als der Herbst kam, veränderte sich das Licht über dem Tal. Die Schatten wurden länger, die Wiesen verloren ihr helles Grün, und am Morgen lag bereits jene Kühle in der Luft, die noch nichts vom Winter sagt und doch daran erinnert, dass auch der Sommer nur zu Gast gewesen ist.

Die Schwalben sammelten sich auf den Dächern.

Eines Abends sah die Seiltänzerin ihnen nach, wie sie sich plötzlich gemeinsam erhoben, eine dunkle Bewegung im goldenen Licht, und für einen Augenblick den Himmel veränderten. Dabei erinnerte sie sich an den Vater und an seinen Satz von den Dingen, die sich bewegen, ohne dass wir ihre Bewegung erkennen.

Sie hob den Kopf.

Unter ihren Füßen begann das Seil zu schwingen.

Sofort war die alte Angst wieder da, doch diesmal erstarrte sie nicht. Sie ließ das rechte Knie ein wenig nach, hob den linken Arm, spürte den Wind auf ihrer Wange und unter ihrem Fuß das Seil, das ihrem Gewicht nachgab und wieder zurückkam.

Und plötzlich geschah etwas, das sie nicht erwartet hatte.

Nichts davon war gegen sie.

Der Wind wollte sie nicht hinunterwerfen, das Seil wollte sie nicht retten. Die Tiefe lauerte nicht auf ihren Fall, und der Himmel versprach ihr nichts. Alles war einfach da, bevor sie begann, ihm Namen zu geben.


Für einen Moment wusste sie nicht mehr, was links und was rechts war, was Gleichgewicht und was Schwanken, was Sicherheit und was Gefahr. Da waren ihr Atem, der Wind, das Seil und das Licht, das noch auf einer Seite des Tales lag, während auf der anderen bereits die Schatten zwischen den Bäumen emporstiegen.

Und alles gehörte zu demselben Augenblick.

Sie sah hinunter und fragte sich, ob Licht und Schatten überhaupt voneinander wussten, ob nicht erst der Mensch ihnen Namen gegeben und aus ihrem stillen Ineinander zwei Seiten gemacht hatte.

Vielleicht hatte nicht die Welt sie zwischen Gegensätze gestellt, sondern waren diese erst dort entstanden, wo sie begonnen hatte, das eine festhalten und das andere vermeiden zu wollen. Sie hatte die Mitte gesucht, weil sie links und rechts voneinander getrennt hatte, hatte Sicherheit gesucht und das Fallen zu ihrem Gegenteil gemacht. Sie hatte gegen das Schwanken gekämpft, weil sie glaubte, Ruhe müsse etwas anderes sein als Bewegung.

Nun aber, für diesen einen schwerelosen Augenblick, gab es nichts, was miteinander versöhnt werden musste.

Denn nichts war getrennt.

Sie war nicht mehr die Frau auf dem Seil und der Wind etwas, das ihr entgegenkam. Da waren ihr Atem, die Kühle auf ihrer Haut, das Schwingen unter ihren Füßen und das sinkende Licht über dem Tal, und für diesen einen Augenblick wusste sie nicht mehr zu sagen, wo das eine endete und das andere begann.

Vielleicht war dies die Mitte, von der ihre Mutter gesprochen hatte.

Kein Ort zwischen zwei Seiten.

Ein Augenblick, in dem es keine Seiten gab.

Sie hob einen Fuß, und unter ihm war für einen Moment nichts als Luft, jener schmale Raum zwischen dem Verlassen und dem Ankommen, vor dem sie sich ein Leben lang gefürchtet hatte.

Dann setzte sie ihn wieder auf das Seil.

Es schwang, und sie schwang mit.

Sie ging.

Nicht weit, nur einen Schritt, dann einen zweiten. Hinter ihr lag nun ein Stück Seil, auf dem sie nicht mehr stand, vor ihr eines, das ihre Füße noch nicht berührt hatten. Beides war nur in ihren Gedanken. Unter ihren Füßen gab es nichts als diesen einen Schritt.

Von da an ging sie wieder.

Es gab Tage, an denen die Angst zurückkehrte und sich neben sie stellte wie eine alte Bekannte. Dann blieb sie stehen und wartete, bis sie weitergehen konnte. Sie kämpfte auch gegen die Angst nicht mehr an. Sie gehörte zu ihr wie der Mut, der Wind, das Schwanken und jener nächste Schritt, von dem niemand wusste, wohin er führen würde.

Mit der Zeit verlor sie den Wunsch, das Seil zu beherrschen. Sie begann, ihm zuzuhören, und irgendwann wusste sie nicht mehr, ob sie seiner Bewegung folgte oder das Seil der ihren.

Es spielte keine Rolle mehr.

Sie gehörten derselben Bewegung an.

Viele Jahre später, als ihr Haar grau und ihr Schritt langsamer geworden war, fragte eine junge Frau sie, wie man es schaffe, nicht vom Seil zu fallen.

Die gealterte Seiltänzerin dachte lange nach.

„Früher“, sagte sie schließlich, „glaubte ich, ich müsste einen Ort finden, an dem nichts mehr schwankt.“

„Und hast du ihn gefunden?“

Die Seiltänzerin sah hinaus auf das Seil.

„Nein.“

Die junge Frau schwieg.

Da lächelte die Alte.

„Aber eines Tages habe ich aufgehört, das Schwanken für meinen Feind zu halten.“

Mehr sagte sie nicht.

Am Abend ging sie noch einmal hinaus. Das Tal lag bereits im Schatten, während auf den Türmen ein letzter Streifen Licht ruhte. Von den Wiesen stieg die Kühle herauf, irgendwo unten wurde eine Tür geschlossen, und für einen Augenblick war es so still, als hielte der Tag noch einmal inne, bevor er sich der Nacht überließ.

Sie dachte an ihre Mutter.

Bleib in der Mitte.

So viele Jahre hatte sie versucht, diesen Satz zu erfüllen. Nun erschien er ihr nicht mehr falsch, nur unvollständig.

Manche Sätze, die wir von denen erben, die vor uns waren, sind wie alte Schlüssel. Wir tragen sie lange bei uns, manchmal ein Leben lang, bis wir eines Tages bemerken, dass wir mit ihnen keine Tür mehr öffnen müssen.

Dann genügt es vielleicht, sie noch einmal in der Hand zu halten und sich zu erinnern.

Die Seiltänzerin setzte einen Fuß auf das Seil. Es gab unter ihrem Gewicht ein wenig nach. Der eine Arm hob sich, der andere sank, und ihr Körper folgte einer Bewegung, die nicht erst entstehen musste, weil sie längst da war.

Auf halbem Weg blieb sie stehen.

Über ihr erschien der erste Stern.

Sie dachte an ihren Vater, wie er damals neben ihr im sommerwarmen Gras gelegen und gesagt hatte, alles bewege sich, auch wenn wir es nicht bemerkten.

Vielleicht verstand sie ihn jetzt. Vielleicht hatte er damals etwas ganz anderes gemeint.

Es war nicht mehr wichtig.

Der Wind strich über ihr Gesicht, das Seil schwang unter ihren Füßen, und während unten im Tal die Schatten tiefer wurden, lag über den westlichen Hügeln noch ein letzter heller Saum.

Nichts davon musste bleiben.

Nichts davon musste fort.

Nichts war zu viel.

Nichts fehlte.

Für einen Augenblick gab es keinen Weg hinter ihr und keinen vor ihr, keine Mitte, die gefunden, und keinen Rand, der vermieden werden musste.

Nur diesen Augenblick. ~ Ungeteilt. ~ Sie hob den Fuß.

Das Seil gab unter ihr nach, ihr Körper folgte, und irgendwo zwischen ihrem Atem und dem Wind verlor sich die Frage, wer hier wem folgte.

Auch das musste sie nicht mehr wissen.

Sie setzte den Fuß auf und ging weiter, während über ihr, beinahe unmerklich, die Sterne wanderten und unten im Tal die letzten Grenzen zwischen Licht und Schatten in der Nacht verschwanden.

© 2026 – Hans Jürgen Groß




Anmerkung:

Dieser Text ist Teil meines Angebotes: Achtsamkeit und Resilienz

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Vertiefendes Bonusmaterial (KI-generiert):

🎪 Die Seiltänzerin – Eine Erzählung von Hans Jürgen Groß

Eine poetische Parabel über das Loslassen, die Mitte und die Einheit des Augenblicks
📖 Klick hier, um die vollständige Analyse zu lesen


Vertiefende Betrachtung
Podcast Gemini Notebook


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Zusammenfassung

„Die Seiltänzerin“ ist eine poetisch-philosophische Erzählung über Gleichgewicht, Angst und die Suche nach der inneren Mitte. Zwischen Bewegung und Stillstand erkennt eine Frau, dass Gegensätze wie Licht und Schatten, Sicherheit und Unsicherheit erst durch unsere Bewertung entstehen können. Eine leise Geschichte über den gegenwärtigen Augenblick, das Loslassen und die Verbundenheit mit dem Leben.


Stichworte

Seiltänzerin, Gleichgewicht, innere Mitte, Balance im Leben, Gegenwart, Augenblick, Achtsamkeit, Loslassen, Angst, Veränderung, Bewegung, Stillstand, Polarität, Gegensätze, Licht und Schatten, Einheit, Verbundenheit, Lebensphilosophie, Selbsterkenntnis, poetische Erzählung, philosophische Geschichte, Lebensweisheit, innere Balance, Vertrauen, Wandel, Hans Jürgen Groß





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