Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich eine Geschichte über einen Mann verfassen, der einer Frau begegnet … die kommende Begegnung vorausahnt, ihre sich nähernden Schritte von Weitem hört, sie für eine Sekunde mit den Augen berührt, um dann noch eine Zeit dieser Begegnung nachzuspüren …
Eigentlich, ja, eigentlich, aber tatsächlich habe ich diese Geschichte nun nicht geschrieben …
Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich beruflich erfolgreich sein … voll im Leben stehen … und eigentlich tue ich das auch, aber eigentlich kann ich dies nicht annehmen.
Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich ein großer Liebhaber sein, der Erfolg bei den Frauen hat. Ja, eigentlich, aber irgendwie habe ich doch Angst davor …
Eigentlich, ja, eigentlich will ich keine Angst mehr haben, will mich nicht mehr fürchten abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. Ja eigentlich, aber dennoch ist da dieses Gefühl in mir …
Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich diesen ganzen Stress nicht mehr mitmachen, nicht mehr nach Liebe, Anerkennung und Nähe gieren. Ja, eigentlich, aber dennoch handele ich noch so …
Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich mein Leben verändern, dem nicht gelebten nicht mehr nachtrauern, sondern alles in vollen Zügen genießen, was mit mir geschieht …
Eigentlich, ja, eigentlich, aber warum dann dieser Text?
*** 23.06.2001 ***
Text und Foto © 2001/2023 Hans Jürgen Groß
💭 Interpretation: „EIGENTLICH – Ein Gedicht über das Scheitern an den eigenen Ansprüchen“
„Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich eine Geschichte über einen Mann verfassen, der einer Frau begegnet … die kommende Begegnung vorausahnt, ihre sich nähernden Schritte von Weitem hört, sie für eine Sekunde mit den Augen berührt, um dann noch eine Zeit dieser Begegnung nachzuspüren … Eigentlich, ja, eigentlich, aber tatsächlich habe ich diese Geschichte nun nicht geschrieben …“
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„Eigentlich, ja, eigentlich wollte ich mein Leben verändern, dem nicht gelebten nicht mehr nachtrauern, sondern alles in vollen Zügen genießen, was mit mir geschieht … Eigentlich, ja, eigentlich, aber warum dann dieser Text?“
1. Sprachliche Struktur: Das „Eigentlich“ als Echo der Zerrissenheit
1.1 Die Anapher als Rhythmus des Scheiterns
Das Gedicht besteht aus **einer einzigen sprachlichen Figur**: der **Wiederholung von „Eigentlich, ja, eigentlich …“**. Diese Struktur ist kein Stilmittel, sondern eine **Wiedergabe innerer Zerrissenheit**:
- Der Rhythmus:
- Jede Strophe beginnt mit dem **gleichen Muster** – ein **Echo**, das **keine Antwort** gibt.
- Das „ja“ wirkt wie ein **zögerndes Einverständnis** – als wolle der Sprecher sich selbst überzeugen.
- Die Leerstelle:
- Nach jedem „Eigentlich“ folgt ein **Abbruch** („aber tatsächlich …“, „aber irgendwie …“, „aber dennoch …“).
- Die **Sätze bleiben unvollendet** – wie die **Wünsche des Sprechers**.
- Die letzte Frage:
- „Eigentlich, ja, eigentlich, aber warum dann dieser Text?“
- Der Text ist **keine Antwort**, sondern ein **Symptom** – er zeigt, dass der Sprecher **nicht handeln kann**, sondern nur **reflektiert**.
Die Sprache ist **kein Ausdruck von Klarheit**, sondern von **Verharrung** – sie **dreht sich im Kreis**, wie der Sprecher selbst.
---
1.2 Das „aber“ als Moment der Wahrheit
Jedes „Eigentlich“ wird von einem **„aber“** unterbrochen – und dieses „aber“ ist der **eigentliche Kern** des Gedichts:
- „aber tatsächlich habe ich diese Geschichte nicht geschrieben“
- Der Sprecher **träumt von Kreativität**, aber er **handelt nicht**.
- „aber eigentlich kann ich dies nicht annehmen“
- Er **erreicht Erfolg**, aber er **kann ihn nicht genießen**.
- „aber irgendwie habe ich doch Angst davor“
- Er **sehnt sich nach Liebe**, aber er **fürchtet die Ablehnung**.
- „aber dennoch ist da dieses Gefühl in mir“
- Er **will keine Angst mehr**, aber sie **ist da**.
- „aber dennoch handele ich noch so“
- Er **will sich ändern**, aber er **bleibt gefangen**.
Das „aber“ ist **kein Widerspruch**, sondern die **Wahrheit des Sprechers**: Er **weiß**, was er will – aber er **kann es nicht leben**.
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2. Thematik: Die Krise der „Mitte des Lebens“
2.1 Der Mann in der Lebensmitte: Zwischen Wunsch und Ohnmacht
Das Gedicht ist ein **Protokoll der „Mitte des Lebens“** – einer Phase, in der **Träume und Realität** auseinanderklaffen:
- Beruflicher Erfolg:
- „Eigentlich wollte ich beruflich erfolgreich sein … und eigentlich tue ich das auch, aber eigentlich kann ich dies nicht annehmen.“
- Der Sprecher **hat erreicht**, was er wollte – aber es **befriedigt ihn nicht**.
- Liebe und Anerkennung:
- „Eigentlich wollte ich ein großer Liebhaber sein … aber irgendwie habe ich doch Angst davor.“
- Er **sehnt sich nach Nähe**, aber er **fürchtet die Verletzung**.
- Angst vor Ablehnung:
- „Eigentlich will ich keine Angst mehr haben, will mich nicht mehr fürchten abgelehnt und ausgegrenzt zu werden.“
- Sein **größter Feind ist nicht die Welt**, sondern sein **eigenes Misstrauen**.
- Das Paradox des Alterns:
- „Eigentlich wollte ich diesem Stress nicht mehr mitmachen, nicht mehr nach Liebe, Anerkennung und Nähe gieren.“
- Er **will loslassen**, aber er **kann nicht** – weil er **fürchtet, dann nichts mehr zu haben**.
Der Sprecher steht **nicht am Anfang oder Ende**, sondern in der **„Mitte“** – einem Ort, an dem **alles möglich scheint**, aber **nichts wirklich gelingt**.
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2.2 Die Begegnung, die nicht stattfindet
Das Gedicht beginnt mit einer **Sehnsucht nach Begegnung** – und endet mit der **Feststellung, dass sie nicht geschrieben wurde**:
- Die imaginierte Szene:
- „Eine Geschichte über einen Mann, der einer Frau begegnet … die kommende Begegnung vorausahnt, ihre Schritte hört, sie mit den Augen berührt …“
- Diese **Begegnung ist perfekt** – aber sie **existiert nur im Kopf**.
- Das Scheitern der Umsetzung:
- „Eigentlich … aber tatsächlich habe ich diese Geschichte nun nicht geschrieben.“
- Der Sprecher **kann nicht handeln** – er bleibt im **„Eigentlich“** gefangen.
- Die letzte Frage:
- „Eigentlich … aber warum dann dieser Text?“
- Der Text ist **kein Ersatz für die Begegnung**, sondern ein **Symptom der Blockade**.
Die **Begegnung** ist eine **Metapher** – nicht nur für Liebe, sondern für **alles, was der Sprecher sich wünscht, aber nicht lebt**.
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2.3 Die „Mitte des Lebens“ als existenzielle Falle
Das Gedicht beschreibt ein **typisches Dilemma der Lebensmitte**:
- Die Illusion der Möglichkeiten:
- „Eigentlich wollte ich mein Leben verändern …“
- Der Sprecher **glaubt noch an Veränderung** – aber er **handelt nicht**.
- Die Angst vor dem Nicht-Gelebten:
- „dem nicht gelebten nicht mehr nachtrauern“
- Er **will abschließen**, aber er **kann nicht loslassen**.
- Die Ohnmacht des Wissens:
- „sondern alles in vollen Zügen genießen, was mit mir geschieht“
- Er **weiß**, was er tun müsste – aber er **kann es nicht**.
Die **„Mitte des Lebens“** ist hier **kein Übergang**, sondern eine **Falle**: Der Sprecher **kennt seine Wünsche**, aber er **kann sie nicht verwirklichen**.
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3. Psychologische Dimension: Die Angst als unsichtbare Mauer
3.1 Die Angst vor der Ablehnung
Das zentrale Hindernis des Sprechers ist **nicht die Welt**, sondern seine **eigene Angst**:
- „aber irgendwie habe ich doch Angst davor“
- Er fürchtet **nicht die Liebe**, sondern die **Ablehnung**.
- „will mich nicht mehr fürchten abgelehnt und ausgegrenzt zu werden“
- Seine **größte Sehnsucht** (Nähe) ist zugleich seine **größte Angst**.
- „aber dennoch ist da dieses Gefühl in mir“
- Die Angst ist **kein äußerer Feind**, sondern ein **innerer Schatten**.
Seine **Angst ist unsichtbar** – aber sie **beherrscht sein Leben**.
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3.2 Das Paradox der Freiheit
Der Sprecher **sehnt sich nach Freiheit** – aber er **fürchtet sie zugleich**:
- „Eigentlich wollte ich diesen ganzen Stress nicht mehr mitmachen“
- Er **will Ruhe** – aber er **fürchtet die Leere**.
- „nicht mehr nach Liebe, Anerkennung und Nähe gieren“
- Er **will Unabhängigkeit** – aber er **braucht die Bestätigung**.
- „aber dennoch handele ich noch so“
- Er **erkennt sein Muster** – aber er **kann es nicht durchbrechen**.
Seine **Sehnsucht nach Veränderung** ist **genauso stark** wie seine **Angst davor** – und das **lähmt ihn**.
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4. Fazit: Ein Gedicht über das Scheitern an sich selbst
„EIGENTLICH“ ist **kein Klagelied**, sondern ein **Protokoll der Zerrissenheit**:
- Die Sprache als Spiegel:
- Die **Wiederholung des „Eigentlich“** zeigt, wie der Sprecher **im Kreis läuft**.
- Das **„aber“** ist der **Moment der Wahrheit** – es enthüllt die **Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit**.
- Die „Mitte des Lebens“ als Falle:
- Der Sprecher **weiß, was er will** – aber er **kann es nicht leben**.
- Seine **Angst ist stärker** als seine **Sehnsucht**.
- Die Begegnung, die nicht stattfindet:
- Die **imaginierte Geschichte** ist eine **Metapher für alles, was unerfüllt bleibt**.
- Der **Text ist kein Ersatz**, sondern ein **Symptom der Blockade**.
- Die letzte Frage:
- „Eigentlich … aber warum dann dieser Text?“
- Der Text ist **keine Antwort**, sondern die **Frage selbst**.
Am Ende bleibt **keine Lösung**, sondern die **Erkenntnis der Ohnmacht** – und das ist die **Wahrheit dieses Gedichts**.
„Dieses Gedicht handelt nicht von der Welt, sondern von der einen unsichtbaren Mauer, die wir uns selbst bauen: der Angst, die uns davon abhält, zu leben, was wir uns wünschen. Der Sprecher weiß, was er will – aber er kann es nicht tun. Und vielleicht ist das der eigentliche Schmerz der ‚Mitte des Lebens‘: nicht das Scheitern an der Welt, sondern das Scheitern an sich selbst.“
Weiterführende Fragen
Wer das Gedicht gelesen hat, könnte sich fragen:
- Was sind **deine „Eigentlich“-Sätze** – die Wünsche, die du hast, aber nicht lebst?
- Wo in deinem Leben **blockiert dich die Angst** – vor Ablehnung, vor Veränderung, vor Freiheit?
- Wie könntest du **den Kreis des „Eigentlich“** durchbrechen?
- Was würde passieren, wenn du **eine der „Eigentlich“-Geschichten wirklich schreiben** würdest?
Zusammenfassung:
Ein Gedicht, das von den ungelebten Wünschen eines Mannes im mittleren Alter handelt. Er wollte eine Geschichte schreiben, beruflichen Erfolg haben, ein erfolgreicher Liebhaber sein und seine Ängste überwinden. Dennoch ist er noch immer von alten Mustern beeinflusst und stellt sich und seine Worte infrage.