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Frühlingsgefühle - oder: die Kraft des Lebens

Wer schon einmal am Meer gestanden hat und der Dünung zusah, kennt dieses Bild der sich langsam aufbauenden Welle, welche sich laut tönend mit aufwirbelnder Gicht am Strande bricht. Und wer sich einmal mit den Beinen in diesen Wirbel der ankommenden Welle gestellt, hat, kennt deren ungemeine Kraft. Es fällt schwer, das Gleichgewicht zu halten, nicht umgeworfen zu werden. Der Sand unter den Füßen wird weggezogen, der Meeresboden scheint sich zu öffnen, uns aufsaugen zu wollen. Kein Stein, keine Muschel, kein Sandkorn bleibt an seinem Ort, ein jedes findet in dem chaotischen Strudel einen neuen Platz. 

Mit dieser ungemeinen Kraft des Meeres, möchte ich den Frühling vergleichen, der sich da gerade in einer ersten Welle des Erwachens vor unserer Haustür manifestiert.

Dort wo vor Kurzem noch Schnee die Landschaft bedeckte, recken kleine Blumen ihre Blüten der Sonne entgegen. Die Kelche weit geöffnet, dass auch kein Tropfen derer lichtvollen Essenz verloren geht. Junge Bienen, mit ihren noch durchscheinenden Leibern, haben ihre Arbeit aufgenommen und umschwirren Blüte um Blüte. Aus den Sträuchern und von den Bäumen ist das aufgeregte Zwitschern der Vögel zu vernehmen. Das Leben drängt mit unaufhaltbarer Kraft in das Dasein zurück, nimmt uns mit und weist uns unseren Platz. 

Als Teil dieser Natur können wir tief in unserem Inneren diese lebensspendende Kraft des Frühlings wahrnehmen. Wir sprechen dann von den Frühlingsgefühlen. 

Vor einigen Jahren habe ich versucht, diesem Gefühl nachspürend Worte zu schenken:


Frühling am Bach

Immer weiter, schneller, schneller. Hinaus, voran, ganz ohne Ziel. Die Welt berauscht im Wirrwarr ziehender Farben und Getön. Keine Grenze, keine Ordnung, die uns zu halten vermag. 

Du, Wir, eins. 

Vorbei die Zeit die uns gebunden. Gebrochener Halt in Schwere, Kälte – starr. Erlösung von dem Frost gefunden. Befreit durch der Frühlingssonne Kraft. 

Nur kurz - nur kurz nur. Gleich eines Wimpernschlages Zeit. Begegne ich dir, du Baches individuelle Wesenheit. - Zu schnell vergangen, der flüchtige Moment. Verweilend, sinnend noch ergriffen, endlose Melodie, die mich umfängt. 

Ganz sanft, ganz zart nur - einem leise Rufe gleich – kann auch ich der Frühlingssonne Kraft erfühlen, die sinnlich meinen Leib erreicht.

Zu lang – zu lange schon, hab ich an diesem Ort verweilt. 

Ich lass mich fallen. 

Öffne die Augen. 

Spüre Leben.



Gedicht: © 2019 Hans Jürgen Groß - Foto: © 2021 Hans Jürgen Groß



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