Wann haben wir verlernt, uns Fehler zu erlauben?
Anfangs zweifelte ich an mir.
Ich vermutete, meine Fragen seien nicht eindeutig genug gewesen. Also erklärte ich ausführlicher, suchte nach präziseren Formulierungen und fragte mich, was ich hätte besser machen können.
Es war mein erster Impuls, die Verantwortung bei mir zu suchen.
Erst viel später erkannte ich: Nicht jedes Missverständnis entsteht, weil ich mich unklar ausgedrückt habe. Manchmal liegt der Irrtum einfach auf der anderen Seite.
Dann hielt ich inne.
Manchmal begegnet uns Erkenntnis dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. In deinem Fall war es nicht die Biografie selbst, sondern das Verhalten der KI.
Psychologisch betrachtet zeigt sich hier ein Muster, das viele Menschen kennen: Wir messen mit zweierlei Maß.
Anderen – und sogar einer Maschine – gestehen wir Entwicklung zu. Wir wissen, dass Lernen aus Wiederholung, Irrtum und Korrektur entsteht. Uns selbst hingegen begegnen wir häufig mit einem inneren Richter, der Fehler als Beweis mangelnder Kompetenz oder persönlichen Versagens interpretiert.
Gerade bei Menschen, die früh gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen oder Erwartungen erfüllen zu müssen, entsteht oft der unbewusste Glaubenssatz: Ich darf mir keine Fehler erlauben.
Dieser innere Maßstab wird selten hinterfragt. Er begleitet Entscheidungen, Beziehungen und den Blick auf die eigene Vergangenheit.
Die Biografiearbeit macht jedoch etwas anderes sichtbar.
Erinnerungen sind keine festgeschriebenen Tatsachen. Sie verändern ihre Bedeutung, wenn neue Erfahrungen hinzukommen. Was gestern wie ein Scheitern wirkte, kann heute als notwendiger Entwicklungsschritt erscheinen.
Interessanterweise zeigt die KI genau diesen Prozess. Sie speichert kein vollkommenes Bild. Sie nähert sich einem besseren Verständnis durch Korrektur und neue Informationen.
Vielleicht ist das gar keine Schwäche.
Vielleicht ähnelt sie darin dem menschlichen Lernen mehr, als wir glauben.
Die eigentliche Einladung lautet deshalb nicht, weniger Fehler zu machen.
Sondern sich dieselbe Nachsicht zu schenken, die wir einem lernenden Gegenüber ganz selbstverständlich entgegenbringen.
Ein kleiner Impuls für den Alltag:
Wenn du bemerkst, dass du dich wegen eines Fehlers verurteilst, frage dich einen Moment lang:
Wie würde ich mit einem engen Freund sprechen, der gerade denselben Fehler gemacht hat?
Und dann versuche, genau diese Worte an dich selbst zu richten.
Mitgefühl beginnt oft nicht bei anderen.
Es beginnt im eigenen inneren Dialog.
Ich sehe einen alten Töpfer an seiner Drehscheibe.
Der Ton gerät aus der Mitte, die Form sackt zusammen. Der Töpfer hält nicht inne. Er schimpft nicht über den Ton. Mit nassen Händen führt er ihn behutsam zurück zur Mitte. Die Spuren des Misslingens verschwinden nicht vollständig – doch genau sie verleihen dem Gefäß seinen Charakter.
Vielleicht sind wir diesem Ton ähnlicher, als wir glauben.
Nicht Perfektion macht uns wertvoll.
Sondern die Bereitschaft, immer wieder in die eigene Mitte zurückzufinden.
Vielleicht kennst du diese Stimme in dir, die jeden Fehler sofort bewertet.
Woher kommt sie?
Ist sie wirklich deine eigene?
Oder spricht durch sie eine Erwartung, die du schon sehr früh übernommen hast? Von den Eltern, den Lehrern, den Menschen in deinem Leben?
Was würde sich in deinem Leben verändern, wenn Irrtümer nicht länger Beweise deines Versagens wären, sondern Hinweise auf einen Lernweg?
Vielleicht beginnt genau dort eine neue Form von Freiheit.
✨ Wenn du deine eigene Lebensgeschichte besser verstehen und wiederkehrende Muster erkennen möchtest, findest du weitere Informationen zu Coaching, Mentoring und Biografiearbeit auf:
Du bist nicht allein auf diesem Weg. Vielleicht beginnt heute ein neuer Abschnitt – mit einem Satz, den du dir selbst zum ersten Mal erlaubst:
Konzeptionelle Erklärung der Erzählstruktur
(KI-Coach-Zyklus)
Der KI-Coach-Zyklus ist eine öffentliche Supervision des eigenen Lebens, bei der verschiedene KI-Modelle die Rolle von Supervisoren übernehmen – nicht um Antworten zu geben, sondern um Muster sichtbar zu machen.
Das Projekt zeigt: KI kann ein Werkzeug der Humanisierung sein, wenn wir sie für Selbstreflexion, Verbindung und Würdigung des Alltäglichen nutzen – statt für Beschleunigung, Effizienz und Profit.
Fehlerkultur und Biografiearbeit: Was wir von der KI über Selbstmitgefühl lernen können'
In seinem Beitrag reflektiert Hans Jürgen Groß über eine fundamentale menschliche Frage: Wann haben wir verlernt, uns Fehler zu erlauben?. Den Anstoß dazu gab die Arbeit an seiner eigenen Biografie mithilfe einer Künstlichen Intelligenz (KI). Als die Maschine begann, in langen Gesprächen den Faden zu verlieren und falsche Schlüsse zu ziehen, entlarvte dies ein tief sitzendes psychologisches Muster: den unerbittlichen inneren Richter.
Während wir einer lernenden Maschine Fehler zugestehen, begegnen wir uns selbst oft mit einem zerstörerischen Perfektionismus, der Irrtümer als persönliches Versagen wertet. Der Text zeigt auf, dass Entwicklung – genau wie das Training einer KI – durch Wiederholung, Irrtum und Korrektur entsteht. Mithilfe des Hoffnungsbildes eines Töpfers, der den Ton immer wieder behutsam in die Mitte führt, wird verdeutlicht, dass nicht Perfektion uns wertvoll macht, sondern die Bereitschaft, immer wieder zur eigenen Mitte zurückzufinden.
Die Biografiearbeit dient hierbei als Werkzeug, um alte Glaubenssätze wie „Ich darf mir keine Fehler erlauben“ zu hinterfragen und die eigene Lebensgeschichte als dynamischen Lernweg zu begreifen. Es ist eine Einladung zu mehr Selbstmitgefühl und der befreienden Erkenntnis: „Ich darf lernen.“
Stichworte:
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