Translate

Ein Werk in Fortsetzungen - Die Osterprojekte 2020 bis 2023 von Hans Jürgen Groß


✦   ✦   ✦

Ein Werk in Fortsetzungen

Das Osterprojekt von Hans Jürgen Groß  ·  2020 – 2023

Was als spontane Idee in den ersten Tagen des Lockdowns begann, ist über drei Jahre zu einem zusammenhängenden literarischen Werk gewachsen — ohne dass es so geplant war. Vier Osterzeiten, vier Begegnungen mit der Welt, wie sie gerade war. Und ein roter Faden, der erst im Rückblick sichtbar wird.

Wie alles begann

Ostern 2020. Die Welt hatte sich verändert. Besuche waren verboten, Gottesdienste ausgefallen, Osterfeuer erloschen. In diese Stille hinein erschien auf der Facebook-Seite Gern geschehen, Melsungen hilft täglich eine neue Folge: Der kleine Hase — spontan geschrieben, am Vorabend der Veröffentlichung, ohne Plan und ohne zu wissen, wie die Geschichte enden würde.

Der kleine Hase kam nicht allein. Er brachte den alten Bären mit, Hans Jürgens vertrauten Begleiter, und eine Woche lang teilten drei sehr unterschiedliche Wesen Garten, Gespräch und Fragen. Der Hase war weise und entsandt. Er kam, um zu beobachten. Und er lehrte, indem er fragte.

Was auf den ersten Blick wie eine Kindergeschichte aussieht, ist in Wahrheit eine doppelt kodierte Erzählung: nach außen Trost und Ermutigung für Menschen in der Isolation, nach innen eine stille Reflexion über Angst, Vertrauen und die Kraft des Augenblicks. Die berühmte »Strategie« — den Hasen durch Fragen abzulenken, damit er die Krise nicht bemerkt — entpuppt sich als das Gegenteil: Der Hase wusste es die ganze Zeit. Er hatte seinerseits eine Strategie. Das ist ein feines Spiel, wie es auch in Beratung und Begleitung vertraut ist: Führen durch Fragen, schützen durch Umweg.

· · ·

Die Chronik — fünf Stationen

Betrachtet man alle Texte gemeinsam, ergibt sich eine Chronik, die auf Weltgeschehen reagiert — mal mit Trost, mal mit Stille, mal mit technischem Experiment.

2020Ostern

Der kleine Hase

Ein Bote aus einer heilen Welt besucht Jürgen und den Bären. Weisheit von außen, Trost durch Gegenwart. Die Sprache ist die der Hoffnung — täglich neu gesponnen, ohne zu wissen, was morgen kommt.

Trost von außen
2020Pfingsten

Der Melsunger Eulenturm

Kein Hase diesmal, kein Märchen — ein Gespräch. Hans Jürgen und der Bär denken gemeinsam über Pfingsten nach und entdecken im Wort Begeisterung den Geist. Der Text vollzieht nach, wovon er handelt.

Trost durch Verstehen
2021Ostern

Omas Osterüberraschung

Das zweite Corona-Ostern. Diesmal kein Bote von außen — die Erinnerung trägt. Der Osterberg, den Oma früher baute, wird neu errichtet: Moos, Primel, Steine, kleine Hasen. Trost durch die Hände, durch die Generationenverbindung.

Trost durch Erinnerung
2022Ostern

Der Brief des alten Bären

Krieg. Der Bär schreibt einen Brief und erklärt, warum es in diesem Jahr keine Geschichte geben wird. Kein Märchen, kein Hase — eine Figur, die ihre eigene Geschichte abbricht, weil die Wirklichkeit zu schwer ist.

Würdige Stille
2023Ostern

Hoppsis Abenteuer

Rückkehr im Stil von 2020 — täglich, spontan, ohne Plan. Doch diesmal mit einem neuen Mitschreiber: der KI. Und einer neuen Hauptfigur, die nicht von außen kommt, sondern von innen: Hoppsi, kurzsichtig, verspottet, suchend.

Trost durch Selbstfindung
· · ·

Die Figuren — ein beständiges Ensemble

Was ein loses Erzählprojekt sein könnte, wird durch das Wiederkehren der Figuren zu einem Werk mit Gedächtnis. Sie entwickeln sich — nicht dramatisch, aber spürbar.

Hans Jürgen

Der Erzähler und Beobachter. Er trägt den vollen Namen, den sonst niemand benutzt — eine Markierung, dass hier etwas Archaischeres als der Alltag berührt wird. Er schreibt, zweifelt, tanzt am Ende.

Der alte Bär

Beständiger Begleiter, mal komisch, mal erschüttert. Er backt grüne Soße, er weint beim Abschied, er bricht 2022 das Schweigen — um zu schweigen. Die reifste Figur im Ensemble.

Der kleine Hase

Bote aus einer anderen Welt. Er kommt mit einer Mission, er kennt die Wahrheit, er kehrt ins Osterland zurück. 2021 taucht er kurz wieder auf — als Echo, nicht als Wiederholung.

Hoppsi

Eigenständig, nicht Nachfolger. Er ist kurzsichtig, stolpert, trägt eine Brille. Er sucht seinen Platz — und findet ihn nicht als Held, sondern als Geschichtenerzähler. Eine stille Selbstverortung.

· · ·

Vom Erklären zum Erfahren

Zwischen den Texten lässt sich eine Bewegung beobachten. Der kleine Hase ist noch stark erklärend — der Hase lehrt, gibt Auskunft, bringt Wissen von außen. Der Pfingsttext geht einen Schritt weiter: das Gespräch selbst ist das Ereignis, das Verstehen geschieht im Dialog. Omas Osterüberraschung geht am weitesten — hier wird nicht mehr erklärt, sondern gebaut. Der Osterberg entsteht durch Handeln, und seine Bedeutung enthüllt sich erst im Nachhinein.

Die Erkenntnis folgt der Tat, nicht umgekehrt. »Der Weg erschließt sich beim Gehen« — dieser Satz des kleinen Hasen ist das stille Motto des gesamten Projekts.

Hoppsi schließlich denkt gar nicht mehr nach — er erfindet. Er ist kein Schüler mehr, der Weisheit empfängt, sondern ein Geschichtenerzähler, der selbst Welt erschafft. Das letzte Kapitel seiner Geschichte wendet sich auf sich selbst zurück: Hoppsi erzählt den Tieren die Geschichte von Jürgen und dem Bären. Eine Häsin fragt, ob diese beiden nicht selbst nur Figuren in Hoppsis Geschichte seien. Der Text faltet sich auf sich selbst — Erzähler und Figur tauschen die Plätze.

· · ·

Der Bärenbrief — das Schweigen als Mitte

2022 gibt es keine Geschichte. Der Bär schreibt stattdessen einen Brief. Kurz, würdevoll, erschüttert. Er erklärt, warum jede Geschichte, an der er mitwirken würde, von dem neuen Krieg bestimmt wäre — und dass genug gesagt wurde, ohne dass es weiterer Bärenweisheit bedarf.

Dieser Brief ist literarisch das mutigste Stück des gesamten Projekts. Eine Figur, die ihre eigene Gattung verweigert. Kein Märchen, kein Trost, keine Weisheit — nur Haltung. Und darin liegt paradoxerweise mehr Würde als in jeder ausgefeilten Geschichte. Das Schweigen ist keine Pause im Werk, sondern sein Herzstück: die Stelle, an der die Wirklichkeit zu schwer wurde, um sie in Geschichten zu kleiden.

Dass ein Jahr später Hoppsi entstand — leicht, suchend, spielerisch — ist kein Widerspruch. Es ist die Antwort des Lebens auf seinen eigenen Einbruch.

· · ·

Das Neue — KI als Mitschreiberin

Hoppsis Abenteuer ist das einzige Werk des Projekts, das nicht allein entstand. Die KI generierte Bilder, formulierte erste Texte — und zeigte dabei ihre Grenzen deutlich: In den frühen Kapiteln fehlt die Tiefe, die in den späteren zurückgewonnen wird, weil der Autor die Führung wieder übernimmt. Hoppsi sieht an jedem Tag anders aus, weil die Bildgenerierung noch nicht stabil war. Aber das hat seine eigene Richtigkeit: auch eine Figur, die sich selbst noch sucht, hat kein festes Gesicht.

Was hier entstand, ist kein KI-Text, sondern ein Text, der die KI als Werkzeug und Lernfeld erprobt — und dabei entdeckt, wo menschliche Autorschaft unersetzlich bleibt: in der Tiefe, im Eigenen, in dem, was nur aus gelebter Erfahrung kommen kann.

· · ·

Was dieses Werk ist

Das Osterprojekt 2020–2023 ist keine geplante Werkreihe. Es ist etwas Selteneres: ein Werk, das im Gehen entstand, das auf die Welt reagierte, wie sie gerade war, und das dabei — ohne es zu wissen — eine innere Einheit entwickelte. Jeder Text kann für sich gelesen werden. Gemeinsam erzählen sie eine Geschichte, die kein einzelner Text erzählt hätte: wie ein Mensch in einer Zeit des Umbruchs durch Schreiben findet, was er braucht — Trost, Verstehen, Erinnerung, Würde, Selbstfindung.

Und vielleicht ist das die tiefste Aussage dieses Projekts: dass Geschichten nicht nur Trost spenden, sondern auch entstehen können aus dem, was uns fehlt. Der kleine Hase kam, weil Ostern 2020 nichts war, was es sein sollte. Hoppsi kam, weil ein Jahr geschwiegen worden war. Das Schreiben füllte nicht eine Lücke — es war die Antwort auf sie.

»Jeder Augenblick im Leben ist einzigartig.
Aber unter den einmaligen Augenblicken
ist dieses kommende Osterfest noch einmal einmaliger.«

— Der kleine Hase, Ostersamstag 2020

Beliebte Posts