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Die Feen an deiner Wiege: Wie unsichtbare Wünsche und Erwartungen dein Leben formen


1. Einleitung: Das Märchen, das wir alle leben

Wir alle kennen das Märchen von Dornröschen. An der Wiege der neugeborenen Prinzessin versammeln sich Feen, um sie mit ihren Gaben zu segnen. Doch die Geschichte nimmt eine düstere Wendung:

Bei dem großen Fest beschenken zwölf weise Frauen das Kind mit Wundergaben wie Tugend, Schönheit und Reichtum. Doch eine dreizehnte, nicht eingeladene Frau erscheint und rächt sich mit einem finsteren Spruch: An ihrem fünfzehnten Geburtstag soll die Königstochter sich an einer Spindel stechen und sterben. Eine der zwölf Feen, die ihren Wunsch noch übrig hat, kann den Fluch abmildern: in einen hundertjährigen Schlaf.

Diese Geschichte ist mehr als nur ein Märchen. Sie ist eine Metapher für einen Prozess, den wir alle durchlaufen. Die zentrale These lautet: Auch wir werden mit Wünschen und Erwartungen empfangen – manche nährend wie Geschenke, manche belastend wie Flüche – und meist unausgesprochen.

Welche Gaben und welche Flüche könnten bei deiner Geburt im Raum gewesen sein?

Lass uns nun gemeinsam erkunden, wer diese "Feen" in deiner ganz persönlichen Geschichte sind.

2. Deine persönlichen "Feen": Wer spricht die Zaubersprüche?

Die "Feen" aus dem Märchen sind eine Metapher für alle Kräfte und Kontexte, die zum Zeitpunkt unserer Geburt präsent waren. Sie bilden das unsichtbare Netzwerk, in das wir hineingeboren werden. Die wichtigsten dieser "Feen" lassen sich in vier Kategorien einteilen:

Die Personen: Dies sind die offensichtlichsten Akteure – unsere Eltern, Großeltern und andere nahe Verwandte. Jeder von ihnen bringt seine eigene Geschichte, seine unerfüllten Träume und seine Ängste mit an unsere Wiege. Doch wie im Märchen von Dornröschen wird die Beziehung jeder einzelnen Person zum Kind auch durch deren dynamische Beziehungen untereinander beeinflusst. Erinnern wir uns: Die dreizehnte Fee wurde nicht eingeladen – eine Zurückweisung zwischen den Feen, die sich tragisch auf das Kind auswirkte. Auch in unserem Leben färben Konflikte, Allianzen und unausgesprochene Spannungen zwischen den Erwachsenen die Botschaften, die an uns gerichtet werden. Ist die Schwiegermutter übergangen worden? Gibt es Konkurrenz zwischen den Großeltern? Herrscht Spannung zwischen den Eltern? All dies fließt in die "Sprüche" ein, die über unserer Wiege gesprochen werden – oft als Stellvertreterkonflikte, die wir austragen sollen.

Der Ort der Geburt: Hier geht es nicht nur um die Geografie (z.B. Kleinstadt oder Metropole), sondern auch um das soziale Umfeld. Ein Kind, das in eine wohlhabende Akademikerfamilie geboren wird, empfängt andere Botschaften als ein Kind, das in einer Arbeitergegend aufwächst.

Die Zeitqualität: Der historische und gesellschaftliche Kontext ist eine mächtige "Fee". Im Jahr 1975 geboren zu werden, bedeutete zum Beispiel, in eine Welt voller Unsicherheiten hineinzuwachsen. Heute geboren zu werden, bringt ganz andere Themen wie die Klimakrise, geopolitische Unsicherheiten oder die Digitalisierung und K mit sich.

Die Form: Dieser Begriff wird bewusst anstelle von "Geschlecht" verwendet. Ich spreche von der "Form", weil ein Neugeborenes selbst noch keine ausgeprägte Geschlechtsidentität besitzt. Die Umwelt jedoch projiziert von der ersten Sekunde an klare Erwartungen auf die zugewiesene Form – was es bedeutet, als Junge oder Mädchen aufzuwachsen. Diese Erwartungen, wie "Als Mädchen sei hübsch, fügsam, nicht zu laut", formen uns, lange bevor wir uns selbst definieren können. Die Form kann aber auch für angeborene körperliche Beeinträchtigungen stehen.

Diese Konstellation an "Feen" bildet den Nährboden, aus dem ihre Botschaften wachsen – subtile, aber wirkmächtige Sprüche, die wir nun genauer betrachten.

3. Die Wünsche und Flüche: Was sind das für Botschaften?

Die "Wundergaben" und "bösen Sprüche" sind die unausgesprochenen Erwartungen, Wünsche und Forderungen, die von unseren "Feen" an uns gerichtet werden. In der Psychologie nennt man solche Botschaften Introjekte. Es sind Regeln und Haltungen, die wir ungefiltert in unser inneres System aufnehmen, ohne sie jemals bewusst geprüft oder ihnen zugestimmt zu haben.

Doch hier liegt eine tiefe Wahrheit verborgen: Auch in jeder positiv gemeinten Gabe steckt eine versteckte Forderung. Denn alles hat seinen Preis. Wenn die Großmutter dem Enkelkind "Gesundheit" wünscht, schwingt unausgesprochen mit: "Bleib immer gesund – damit ich mich nicht über dich sorgen muss." Wenn der Vater "Klugheit" schenkt, bedeutet das oft: "Sei klug – damit mir deine Unwissenheit nicht angelastet wird." Selbst der liebevollste Wunsch trägt die Last einer Erwartung in sich, die erfüllt werden will.

Die folgende Tabelle zeigt beispielhaft, wie diese Botschaften für eine fiktive Person, die 1975 als Mädchen in einer Kleinstadt geboren wurde, aussehen könnten:

Absender ("Fee") Mögliche Botschaft ("Spruch")
Mutter "Nutze die Chancen, die ich nicht hatte – aber verlasse mich nicht."
Vater "Sei brav und mach uns keine Schande."
Großmutter "Füge dich ein, sei keine Last."
Der Ort (Kleinstadt) "Bleib hier, wo du hingehörst."
Die Zeit (1975) "Sei sicher – die Welt ist unsicher geworden."
Die Form (Mädchen) "Als Mädchen sei hübsch, fügsam, nicht zu laut."

Das Entscheidende an diesen Botschaften ist, dass sie oft widersprüchlich und unbewusst sind. Die Mutter wünscht sich Erfolg für ihre Tochter, hat aber gleichzeitig Angst vor dem Verlust. Dieser innere Konflikt – "Sei erfolgreich, aber verlass mich nicht" – erzeugt eine unlösbare Spannung, die sich später in lähmenden Glaubenssätzen manifestieren kann.

So entpuppt sich jede "Wundergabe" als zweischneidiges Schwert: Das Geschenk der Schönheit fordert ständige Selbstoptimierung, da diese keine allgemeingültigen Kriterien kennt. Das Geschenk der Klugheit verlangt permanente Leistung. Das Geschenk der Anpassungsfähigkeit kostet uns unsere Authentizität. Die vermeintlichen Segnungen tragen ihre eigenen Flüche bereits in sich – und gerade die wohlmeinendsten Wünsche können die schwersten Lasten werden.

Wie wird aus diesem Chor an äußeren Stimmen unsere eine innere Wahrheit?

4. Vom Zauberspruch zum Glaubenssatz: Wie die Magie zu unserer Realität wird

Dieser Schritt ist der alchemistische Moment der Biografiearbeit: Ein Chor an chaotischen, äußeren Stimmen wird zu einem einzigen, leisen, aber unerschütterlichen inneren Gesetz (Glaubenssatz). Diese Kernüberzeugungen sind die fundamentalen Annahmen, die unser Welt- und Selbstbild definieren und unser gesamtes Leben unbewusst steuern.

Diese Glaubenssätze lassen sich meist in zwei zentrale Strukturen unterteilen:

Glaubenssätze über uns selbst: Sie beginnen oft mit den Worten "Ich bin..." und definieren, wer wir in der Welt zu sein glauben.

Glaubenssätze über die Welt: Sie beginnen oft mit den Worten "Die Welt ist..." und beschreiben, wie wir die Realität um uns herum wahrnehmen.

Aus den widersprüchlichen Botschaften des Beispiels von 1975 könnten sich folgende Glaubenssätze bilden:

Beispiel 1:

  • Ich bin nur wertvoll, wenn ich die Erwartungen erfülle.
  • Die Welt ist eng – es gibt keinen Raum für mich, so wie ich bin.

Beispiel 2:

  • Ich bin zu viel und gleichzeitig nicht genug.
  • Die Welt ist voller Widersprüche – ich kann es niemandem recht machen.

Diese tief verankerten Kernsätze wirken wie ein unsichtbares Skript. Sie steuern unsere Entscheidungen, beeinflussen unsere Beziehungen und bestimmen, was wir uns im Leben zutrauen – oft ohne dass wir die leiseste Ahnung davon haben. Sie sind der eigentliche "Zauberbann", unter dem wir stehen. Und wie die Hecke im Märchen sind sie Ausgangspunkt weiterer beschränkender Glaubenssätze, die uns dann hinter einer dichten Dornenhecke unerreichbar werden lassen.

Doch wie im Märchen gibt es auch hier die Möglichkeit des Erwachens. Wie also können wir diesen Bann erkennen und brechen?

5. Das Erwachen: Den Bann erkennen und brechen

Anders als im Märchen brauchen wir keinen Prinzen, der uns rettet. Das wahre Erwachen beginnt mit einem einzigen, entscheidenden Schritt: uns dieser unbewussten "Sprüche" und der daraus entstandenen Glaubenssätze bewusst zu werden.

Die enorme Kraft entfaltet sich in dem Moment, in dem wir diese impliziten Botschaften explizit machen. Sobald ein Glaubenssatz wie "Ich bin eine Last" nicht mehr nur ein diffuses Gefühl ist, sondern als klarer Satz vor uns steht, können wir uns von ihm distanzieren. Wir können ihn hinterfragen, seinen Ursprung erkennen und entscheiden, ob wir ihm weiterhin Macht über unser Leben geben wollen.

Das Erkennen unseres inneren Märchens ist der erste, machtvolle Schritt, die Feder selbst in die Hand zu nehmen und das nächste Kapitel unseres Lebens nicht mehr von unsichtbaren Sprüchen, sondern von bewussten Entscheidungen schreiben zu lassen.

6. Die Geburtsaufstellung: Eine Reise zurück an deine Wiege

Doch wie gelingt uns dieser entscheidende Schritt des Bewusstwerdens? Wie können wir die unsichtbaren "Feen" sichtbar machen und ihre Sprüche hörbar werden lassen?

Hier bietet die Geburtsaufstellung ein kraftvolles Werkzeug. In dieser besonderen Form der systemischen Arbeit kehren wir symbolisch zu unserer eigenen Wiege zurück – nicht um dort zu verharren, sondern um endlich zu verstehen, welche Kräfte dort am Werk waren.

In einer Geburtsaufstellung stellen wir die vier "Feen"-Kategorien konkret im Raum dar. Wir geben den Personen (Mutter, Vater, Großeltern) einen Platz, visualisieren den Ort unserer Geburt, machen die Zeitqualität greifbar und repräsentieren die Form, in der wir geboren wurden. Durch diese räumliche Anordnung – durch das buchstäbliche Aufstellen dieser Kräfte – wird das unsichtbare Netzwerk plötzlich sichtbar.

Was vorher nur als diffuses Gefühl in uns wirkte, nimmt Gestalt an. Wir können sehen, wo Spannungen herrschten, wer zu nah stand oder zu weit entfernt war, welche unausgesprochenen Allianzen existierten. Und vor allem: Wir können die Botschaften, die "Sprüche", endlich hören und benennen.

Die Geburtsaufstellung ist keine Therapie, sondern ein Moment der Klarheit – ein Erwachen aus dem hundertjährigen Schlaf. Sie erlaubt uns, aus der Identifikation mit den alten Mustern herauszutreten und sie von außen zu betrachten. In diesem Moment der Distanz liegt die Freiheit: die Freiheit zu wählen, welche Geschenke wir annehmen und welche Flüche wir zurücklassen möchten.

Bist du bereit, deine persönlichen "Feen" kennenzulernen und den Bann zu brechen, der dich vielleicht schon dein ganzes Leben begleitet?




Die Feen an deiner Wiege



Textanalyse

Die Geburtsaufstellung, wie Groß sie vorstellt, ist ein kraftvolles Werkzeug zur Bewusstwerdung – ein Moment der Klarheit in dem oft nebelhaften Terrain biografischer Prägungen. Sie macht sichtbar, was sonst im Verborgenen wirkt, und ermöglicht damit jenen ersten, entscheidenden Schritt: vom unbewussten Erfüllen transgenerativer Aufträge zur bewussten Gestaltung des eigenen Lebens.


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vertiefende Betrachtung
Podcast Notebook LM




© 2026 – Hans Jürgen Groß




Zusammenfassung: Die Feen an deiner Wiege

In seinem Text nutzt Hans Jürgen Groß das Märchen von Dornröschen als kraftvolle Metapher für die unbewussten Prägungen unserer Kindheit. Er beschreibt, wie jeder Mensch bei seiner Geburt von symbolischen „Feen“ – den Eltern, dem sozialen Umfeld, der Zeitqualität und der Geschlechtsrolle – mit Erwartungen und Wünschen empfangen wird. Diese oft unausgesprochenen Botschaften, in der Psychologie als Introjekte bekannt, formen unsere inneren Glaubenssätze.

Groß verdeutlicht, dass selbst positiv formulierte Wünsche (wie Gesundheit oder Klugheit) oft versteckte Forderungen enthalten, die uns im späteren Leben einengen können. Der Weg zur Freiheit führt über die Bewusstwerdung: Durch Methoden wie die Geburtsaufstellung können diese unsichtbaren Netzwerke sichtbar gemacht werden. Ziel ist es, den „Zauberbann“ alter Muster zu brechen und vom unbewussten Skript zur bewussten Selbstgestaltung des eigenen Lebens zu finden.


Stichworte

Biografiearbeit, Geburtsaufstellung, Glaubenssätze, Introjekte, systemische Arbeit, Selbstfindung, Dornröschen-Metapher, transgenerative Weitergabe, psychologische Prägung, Bewusstwerdung, Resilienz, Coaching, Mentoring






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