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Die weiße Jungfrau vom Heiligenberg – eine alte Sage neu erzählt

 

Es war einmal vor langer Zeit, als die Menschen noch daran glaubten, mit ihren Worten und Gedanken Einfluss auf die Welt nehmen zu können. Unweit des Ortes Gensungen erhob sich eine Bergkuppe, die weit hinaus in das Edertal sichtbar war. Hier wurde alltäglich, mit einem roten Ball, den Menschen ein neuer Tag geschenkt. Der Berg schien alle vorhandenen Gegensätze aufheben zu können. Er vereinte den Himmel mit der Erde, die Nacht mit dem Tag.

Es folgte ein Frühling, dem Winter, unzählige Male oft. Die Weltsicht der Menschen veränderte sich. Das Greifbare, Belegbare, Macht und Herrschaft bestimmten nun ihr Handeln und ihre Sicht. Immer noch erhob sich die Bergkuppe über dem Tal. Immer noch zeigte sich hier der neue Tag in seinem ersten Licht. Immer noch trug die den Menschen einst heilige Erhebung, den Namen Heiligenberg. Doch die alten Rituale hatten sich im Zeitenstrom zerstreut, so wie das Salz im Wasser. Ebenso erging es der Burg, welche auf dem Bergrücken errichtet worden war, und die sich in dem Augenblick der Gezeiten verlor. 

In ihrer tiefsten Seele erkannten die Menschen die Besonderheit des Ortes und so dichteten sie diesem einen verborgenen Schatz von unendlichem Reichtum an. Viele brachen auf, um diesen Schatz zu suchen, kehrten jedoch ergebnislos nach Hause zurück.

Da geschah es, dass ein junger Schäfer mit seiner Herde den Weg hinauf zur Burgruine wählte. Es war die Zeit der Frühlingstagundnachtgleiche, und intuitiv hatte er gewusst, dass er an diesem Morgen das beste Futter für seine Herde hier finden würde. Der Schäfer kannte ein jedes seiner Schafe beim Namen und sorgte gut für sie. Nie war ihm eines abhandengekommen, oder hatte Schaden genommen.

Schon früh an Jahren hatte er den alten Schäfer auf seinen Wanderungen begleitet und von diesem gelernt. Während die anderen Jungen im Ort rauften, den Kriegsverherrlichungen der alten Männer lauschten, verbrachte er seine Zeit bei den Schafen und lernte von ihnen. Sie zeigten ihm die Schönheit der Natur, offen und empfänglich zu sein für das, was der Tag gerade bot, die Ordnung im Durcheinander zu erkennen sowie die Rhythmen des Jahres bewusst wahrzunehmen. All dies war Leben, deren Teil er selbst war, und das er beschützen und bewahren musste.


Er hatte sich auf der großen Wiese, nahe den Mauern der alten Burg eingerichtet, als wie aus dem Nichts eine junge Frau in einem langen weißen Gewand vor ihm erschien. Sie gab ihm sprachlos Zeichen, ihr zu folgen. 

Der junge Schäfer spürte eine Zerrissenheit in sich aufsteigen. Er fühlte sich angezogen von dieser jungen Frau. Die Schönheit und Anmut ihres Äußeren erregten sein Herz, doch mehr ergriff ihn diese unaussprechliche Ausstrahlung, welche sie aussandte. Alles in ihm sehnte sich hiernach. Er wollte ihr nah sein, mit ihr verschmelzen. In ihr schien all das vereint, was er sein Leben lang wie eine ungestillte Sehnsucht gesucht hatte. 

Diese starken Gefühle, die er empfand, bereiteten ihm Furcht. Furcht vor dem Verlust der Kontrolle über sich selbst. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. Ängstlich schritt er hinter der anmutigen Erscheinung her. Diese öffnete eine Tür und sie traten in einen langen Gang, der in den Berg hinein führte. Und obwohl kein Licht den Gang erhellte, erstrahlten die Wände und hüllten den Ort in einen goldenen, warmen Schein. 



Die Unsicherheit des jungen Schäfers schien ins Unermessliche anzusteigen. Da drehte sich die Jungfrau zu ihm um, deutete schweigend auf einen Strauß Blumen und versuchte, ihm durch ein Zeichen verständlich zu machen, dass er diesen zu sich nehmen solle. Dem Schäfer waren die Blumen unter dem Namen Himmelsschlüssel, oder Schlüsselblumen bekannt, und er wusste, dass diese die Boten des kommenden Frühlings waren.

Seine Gefühle wurden übermächtig. Was tat er hier an diesem jenseitigen Ort, mitten im Berge? Er hatte seine Herde allein gelassen. Bald war Frühling. Einige der Schafe waren trächtig und würden bald lammen, der Erde neues Leben schenken.

Mit wenigen Sätzen war er zur Tür hinaus, die alsbald laut hinter ihm zufiel. In demselben Augenblick hörte der junge Schäfer von drinnen einen lauten Schrei, der ihn in seinen tiefsten Festen berührte. 

Fassungslos, erregt kehrte der Schäfer zu seiner Herde zurück, die ihm liebevoll empfing. Das eintönige Blöken der Schafe beruhigte ihn. Er spürte die Erde unter sich, die ihn trug. Der vertraute Geruch des kommenden Frühlings löste ihn aus den Fängen des bangen Momentes. So wie Wasser den Schmutz von einem weißen Laken wäscht, so wusch die Zeit den Schrecken von seiner Seele. Der Zweifel des Erlebten hätte sein Dasein bestimmen können, wenn ihm nicht wegen seiner scheinbaren Dummheit, die Chance auf Reichtum vertan zu haben, gespottet wurde.

Tief in seinem Inneren wusste er, dass er seinen wahren Schatz, im Angesicht der vermeintlichen Schwäche gefunden hatte. Er war sich selbst treu geblieben und seiner Eingebung gefolgt. In den Augen der Jungfrau glaubte er ein Einverständnis, eine bedingungslose Liebe zu ihm erkannt zu haben. Eine Liebe, die sich in ihm selbst eingepflanzt hatte und mit der er nun seiner Welt begegnete. Alles war gut, so wie es war.

Viele Male kehrte er zum Heiligenberg zurück, doch sah er weder die Jungfrau noch die Tür, durch die sie gegangen waren, jemals wieder.

Zahlreiche Menschen suchten in den folgenden Zeiten weiter nach dem Reichtum im Berge. Doch außer Kohle konnten sie nichts finden. - Die stumme Jungfrau jedoch, wartet noch heute darauf, die Menschen tief in ihr Inneres, zu ihrem Schatz zu führen und dies mit einem Freudenschrei zu bekunden. 


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Die ursprüngliche Sage, so wie sie offiziell seit Jahrhunderten erzählt wird, findet ihr hier.


Schon seit frühster Kindheit, als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, gefiel mir deren Inhalt nicht. Warum ist der Schäfer, der seinen Gefühlen folgt, ein Dummkopf? Warum kann das Weibliche nur durch einen unsensiblen Mann, der seine Ängste ignoriert, befreit werden? Was ist Mut? Ist wahrer Reichtum immer materiell? Beschreibt die Sage, die Angst des Mannes vor der Hingabe an die Frau? - So wuchs in mir die Idee, die Eckwerte der Geschichte, neu zu interpretieren. Zahlreiche Handlungsmöglichkeiten fielen mir ein. Letztendlich folgte ich meinem ersten Impuls für den Ausgang der Erzählung.


Viel Spaß und Freude beim Lesen.


© 2023 - Hans Jürgen Groß


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Die weiße Jungfrau vom Heiligenberg











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